Fastenaktion - Unterschriftenaktionen und Demonstrationen als Sozialer Tauschhandel? – aus dem Tagebuch

Gespeichert von Matthias-W Engelke am Di., 20.08.2013 - 21:12

Wir sprachen die Leute an und hatten verschiedentlich Diskussionen. Z. B. mit einem Herrn, der meinte, ohne die Atomwaffen hätten wir einen Krieg gehabt. Auf gezieltes Nachfragen, ob er wirklich meint, es wäre zu Zeiten des Kalten Krieges zu einem heißen Krieg gekommen, erzählte er von dem Ereignis, dass ein russischer Offizier zwar gemeldet bekam, dass amerikanische Langstreckenraketen die Sowjetunion angreifen würden, aber trotzdem nicht den Befehl zum Gegenschlag auslöste. Wie sich im Nachhinein zeigte: Ein technischer Fehler.

Am Sonntag stellten meine Frau und ich unsere Beobachtungen zusammen, was es für „Muster“ an Verhaltensweisen in Berlin gibt bezüglich der Unterschriftenliste bzw. zur Demonstration – abgesehen von allen, die vorbei gehen oder mal mehr oder weniger interessiert hingucken -:
- Muster 1: Jemand muss angesprochen werden. Das sind die Meisten.
- Muster 2: Kommt, interessiert sich für den Stand und erzählt dann lang und breit die eigene Geschichte.
- Muster 3: Kommt zielstrebig zum Tisch, wirft einen Blick auf die Unterschriftenlisten, sucht den Stift, unterschreibt, vergewissert sich darüber ob es noch irgendetwas zu solidarisieren gibt, schaut auf, sagt meist noch ein nettes Wort und stiebt davon – da meistens Frauen – zu ihren geduldig, betont lässig wartenden Männern und ihren mit großen Augen interessiert zusehenden Kindern.

So auch am Abend dieses Tages: Ein Herr mit grauer Kaisermähne – wie Kaiser Karl V – und einem ebenso grauen Vollbart stellte sich vor unseren Demonstrationsstand und sah sich interessiert alles an. Aus irgendeinem Impuls stellte ich mich ihm zur Seite und unvermittelt meinte er: Es gibt gäbe noch eine weitaus gefährlichere Waffe, die Elektronische Bombe, E-Bombe. Eine Waffe, die dazu führe, dass alle Elektronik ausfiele aber kein Mensch sterbe. Dann begänne das Mittelalter neu. Und, was wäre daran schlimm. Hier würden wir wieder überall Gemüse und Salat anpflanzen. Universitäten und Schulen müssten geschlossen werden. Nur Gebäude, die sich selbstversorgten könnten noch eine Weile betrieben werden, und dann wäre auch das vorbei. Eine Waffe, die keine Menschen tötet aber alle Geräte, die elektronisch gesteuert oder versorgt würden, zerstöre. Diese Bombe wurde im Zusammenhang mit Atombombentests im Weltall entwickelt, die radioaktiven Strahlen würden nicht auf die Erde kommen, sondern  im Weltall „verschwinden“. Der Kegel der E-Bombe fiele dann auf die Erde und in dessen Radius wäre dann alle Technik hin. Weil sich nicht einwandfrei vorausberchnen lasse, wo und wie genau dieser Kegel ausfällt – die Erde dreht sich ja – hätten die USA, die diese Bombe schon vor Jahren entwickelt habe aber ja aus ersichtlichen Gründen noch nicht hätte ausprobieren können – davon abgesehen sie einzusetzen. Woher er das habe, fragte ich. Von einer Sendung im Fernsehen, einen Teil hätte er mitgeschnitten, den Anfangsteil wollte er sich noch besorgen, aber das hat mit dem Internet-Archiv nicht geklappt. Ob ich eine Kopie davon erhalten könne. Er wechselte das Thema: Er brauche einen Rat, einen Rechtsanwalt, der ihn berät, weil er von Polizisten unverhältnismäßig festgehalten, um seine Freiheit beraubt worden sei, weil er keine Papiere dabei hatte. Und das wohl nur, weil er nicht so Deutsch  spricht wie Deutsche. Er kommt aus Griechenland und arbeitet schon lange in Berlin. Drei Stunden haben sie ihn in Gewahrsam gehalten, obwohl er in einer Tasche Briefwechsel dabei hatte, die ausweisen, wo er wohnt und es wäre ein leichtes gewesen im Kontakt mit den Behörden zu prüfen, ob die Angaben stimmen. Mit einem anderen Deutschen hätten sie das nie gemacht. Er hat aus der Zeitung andere Fälle solcher Freiheitsberaubung aus ähnlichen Anlässen erfahren und wollte nun Klage oder Beschwerde oder wie muss das genau heißen? einlegen bzw. erheben. Leider war er eine Woche im Krankenhaus und nun fehlt ihm die Zeit. Ich brachte ihn auf die Idee, sich an die Linke zu wenden. Er hatte schon bei der Diakonie und bei einem Verein für Rechtshilfe angefragt und die gaben ihm am Telefon den Rat: Nehmen Sie sich einen Anwalt. Meine Frau hatte schon mit dem Abräumen angefangen, heute abend wollten wir ein Taxi nehmen, alles ins Büro von IALANA hinüber zu tragen, erschien uns zu beschwerlich, wir wollen keine Helden sein. Eigentlich wollte ich ihr helfen, der Herr erzählte weiter. Es fiel mir schwer, mich loszueisen, schließlich fasse ich den Entschluss, mit Verweis darauf, dass ich noch gerne meiner Frau helfen wolle. Vielleicht hatte ich mit diesem heldenhaften Entschluss ja auch solange gewartet, bis meine Frau fast fertig war. So konnte ich fragen, bekam die Meriten dieser Anteilnahme und brauchte trotzdem nichts mehr zu tun. Der Herr verabschiedete sich sehr freundlich. Weder nannte er seinen Namen noch fragte er nach meinem. Später habe ich zur E-Bombe tatsächlich einen Artikel im Netz gefunden, Spiegel-online vom 26.03.2003, http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/e-bombe-der-elektrische-alptraum-a-…

Bei den ersten beiden Mustern scheint ein sozialer Tauschhandel stattzufinden:
Du schenkst mir Aufmerksamkeit dadurch, dass du dich mir zuwendest, mich ansprichst und Zeit für mich verbringst ; dafür komme ich mit zum Stand und unterschreibe – ohne große Fragen und weitere Nachforschungen, worum es genau geht – die dort ausliegende Liste. Wenn es mehrere sind, interssanterweise dann meistens eine, und zwar wohl die, die mehr nach Unterschriftenliste aussieht, oder die einfach näher zur Schreibhand hin liegt.

Beim zweiten Muster ist es ähnlich: Dieser Mensch wendet sich unserem Demonstrationsstand zu – es beginnt mit der umgekehrten Reihenfolge -  unterschreibt oder meist unterschreibt er nicht und nach relativ kurzer Zeit, nachdem er uns seine Aufmerksamkeit zugewandt hat, nimmt er unsere für seine Geschichte in Anspruch. Da wir ja nicht wegkönnen, meist sind solche Demonstrationsstände ja stationär, gibt es kein natürliches Maß für die Dauer solcher Inanspruchnahme. Beim Friedensfestival mit Marion auf dem Alexanderplatz, Anfang Juni, vor meiner OP wegen der Nierenspende, machten wir an unserem Stand, den wir dort hatten um auf die Musikblockade und den Versöhnungsbund hinzuweisen, die gleiche Erfahrung. Mich interessierte dort am meisten: Wie finden die Menschen von sich aus einen Schlusspunkt. Ich wollte es bewusst darauf ankommen lassen und nicht von mir aus signalisieren, dass ich mich mit etwas anderem beschäftigen möchte, sondern halte die Aufmerksamkeit hoch. Nur einmal – als ein ganzes Netz von schlimmen und schlimmsten Hinterhältigkeiten von Ex-Kanzler-Kohl über Schalk-Kolakowski, Strauß, die Wende, bei jeder Operation mit Vollnarkose in Deutschland eingepflanzte US-Chips zur ununterbrochenen Ortung und Überwachung und wer weiß nicht was ausgebreitet wurde, rettete ich  mich mit der Bitte, die Punkte und wie sie zusammenhingen doch einmal wie eine Karte – auch bekannt als mind-map – aufzuzeichnen. Sie tat es umgehend und war eine ganze Zeit damit zugange. Sie war dankbar, als ich sie annahm. Sie muss in meinen Unterlagen sein. Einiges ist nicht unmöglich, wie die Spendenaffäre von Kohl ja schon vor Jahren gezeigt hat und gerade diese Verheimlichung ein geeigneter Ansatzpunkt für unzählige Spekulationen.

Vielleicht funktionieren Demonstrationen ja auch so ähnlich als komplementärer Sozialtausch: Gegenüber einem Mangel an Aufmerksamkeit der Regierung zu einem einzigen benannten Missstand – bei mehreren, die zugleich genannt werden funktioniert es vermutlich nicht – wird die Regierung gezwungen sich mit den Protestierenden zu befassen.
Wahrscheinlich dauert es bis zu dem Zeitpunkt, ab dem die Zeit, sich mit den Demonstrierenden zu befassen mehr Zeit und Aufmerksamkeit kostet als deren Forderungen zu erfüllen, an dem eine Demonstration zum Ziel kommt. Damit die Regierung sich nicht damit abgeben muss, wird die Polizei vorgeschickt. Solange die funktioniert, muss die Regierung sich nicht damit befassen, sie hat ja ihre Spezialisten. Erst wenn das bröckelt oder zu teuer wird, muss man sich etwas anderes überlegen, was schon in Deutschland überlegt worden ist: Der Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Also hat die Regierung eine Menge Zeit gewonnen, in der sie sich nicht mit Demonstrierenden herumärgern muss. Die Frage ist also: Wie gelingt es – egal wie viel Polizisten oder Bundeswehr anrücken – die Regierung zu bewegen, sich mit den Anliegen einer Demonstration sosehr zu befassen, dass sie das Kalkül für vernünftig hält, sich auf die Forderungen einzulassen? Massenhafte Demonstrationen? Wohl kaum. Wohl eher viele dezentrale an mehreren Orten, die die Ortsvorsitzenden der Parteien alarmieren und den Eindruck erwecken, möglicherweise eine Wahl zu gefährden. Leider fehlt dann das coole Gefühl bei großen Demonstrationen „dabei“ gewesen zu sein, was sich bei einer kleinen Demonstration oder Mahnwache zu zehnt oder sogar fünfzig oder hundert nur selten einstellt. Und diesen langen Atem und die phantasievolle Ausdauer das für lange Zeit duchzuhalten, haben offenbar nicht viele. Anders ist es, wenn es zeitgleiche dezentrale Aktionen sind, das erweckt wieder das „Wir“-Gefühl, was auch über Internet dokumentiert und dann wiederum an Wände in der Öffentlichkeit projiziert werden kann zum Beweis, wie viele es tatsächlich sind!