Pazifismus vor neuen Herausforderungen - Jahrestagung 2017

Gespeichert von Webmaster am Mo., 05.06.2017 - 07:05

Bei dieser Jahrestagung im KIEZ in Arendsee ging es um das Thema, das zur Gründung des Versöhnungsbundes geführt hatte, und das noch immer die meisten seiner Mitglieder bewegt: Wie können wir klar und erfolgreich dafür eintreten, dass Krieg auf dieser Erde verhindert wird?

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Andreas Zumach, Eva Maria Willkomm, Ulrike Laubenthal, Ullrich Hahn

Genau diese Fragestellung war auch Thema bei der einleitenden Podiumsdiskussion unter dem Ttiel „Pazifismus zwischen Fundamentalismus und Pragmatismus“ mit Andreas Zumach, Ulrike Laubenthal und Ullrich Hahn. Dabei gab es große Einigkeit darüber, dass Kriege i.d.R. kein Mittel sind, um Probleme dieser Welt konstruktiv zu lösen, sondern dass sie unendlich viel Leid verbreiten und ihre Vorbereitung bzw. alle Formen der Rüstung große Ressourcen an Geld und Kraft verschlingen, die allen Anstrengungen fehlen, bessere Lebensbedingungen für die Mehrheit der Menschen unseres Planetens herzustellen. Dementsprechend wurde auch von allen die Notwendigkeit betont, immer wieder darauf hinzuweisen, wie jämmerlich der seit nun mehr als 15 Jahren andauernde „Kireg gegen den Terror“ gescheitert sei. Trotz des immensen Einsatzes von Geld und trotz der immensen Verluste von Menschenleben gäbe es nicht weniger, sondern mehr Terror als 2001.

Strittig hingegen war der Vorschlag von Andreas Zumach, im Falle eines nachgewiesenen (und nicht nur behaupteten!), unmittelbar bevorstehenden Völkermords militärisch einzugreifen und zwar mit einer Truppe, die von der Vollversammlung der UNO mit qualifizierter Mehrheit beauftragt würde und so strukturiert sei, dass sie komplett eigene Kommandostrukturen hätte, also nicht den Interessen von Einzelstaaten unterworfen sei. Er sah das als eine Chance, Menschenleben zu retten, während die anderen beiden große Zweifel daran hegten, dass der Aufbau so einer Truppe realisierbar sei und sie nicht doch schnell wieder eine Kriegspartei wie jede andere würde.

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Susanne Luithlen

In ihrem abendlichen Vortrag, forderte Susanne Luithlen die Friedensbewegung auf, deutlich zu machen, dass ihr Pazifismus kein geduldig hinnehmender, sondern ein aktiver, „wehrhafter“ sei, der die Bereitschaft zur Auseinandersetzung und Spaß am Erfolg mit einschließe - insbesondere, wenn es darum gehe, Einfluss auf die öffentliche Meinung zu gewinnen. Die Gegenseite würde unter dem Stichwort „Framing“ viel Geld für die Frage aufwenden, wie sich politische Begriffe so definieren lassen, dass die gewünschten Antworten unmittelbar einleuchteten und wir müssten uns darauf einstellen und eigene Strategien finden.

Wahrlich eine Herausforderung, wie auch die anschließende lebhafte Diskussion zeigte!

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Egon Spiegel

Mut machen wollte hingegen der Vortrag von Egon Spiegel am nächsten Morgen. Er vertrat die These, dass Krieg weltweit zunehmend ein Tabu werde, so wie im letzten Jahrhundert die Sklaverei. Das schließe zwar nicht aus, dass er immer noch stattfinden könnte, so wie auch immer noch Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen lebten. Trotzdem sinke die Bereitschaft, Krieg zu führen zunehmend - auch weil die Menschen immer weniger dazu bereit und in der Lage seien, das Leid, dass Krieg immer bedeute, mitzutragen und auszuhalten. Als Belege nannte er z. B. die hohe Zahl an Suiziden von Kriegsheimkehrern. Spannend war auch, dass er diese Thesen zusammen mit seinem chinesischen Kollegen Chen Liu entwickelt hatte und sie auch in China öffentlich vertreten konnte.

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Lucas Johnson

Ermutigend waren auch die Reden unserer internationalen Gäste: Lucas Johnson, Geschäftsführer des Internationalen Versöhnungsbundes, berichtete von der Friedensbewegung im Weltmaßstab und wies  dabei z. B. auf die Erfolge der Zweige im Sudan und im Südsudan hin, die sich immer wieder mit großem Engagement dafür einsetzten, einen drohenden Bürgerkrieg zu verhindern. Tina Shubhamoorty, die unsere Tagung zusammen mit ihrem Vater Shubhamoorty Kumar,  Minister für Landreform im indischen Bundesstaat Bihar besuchte, berichtete über den Aufbau eines internationalen Gandhi-Zentrums im ländlichen Bihar.

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Tina Shubhamoorty

Die Impulse aller dieser Beiträge konnten nun  durch ganze andere Aspekte der Friedensarbeit ergänzt in den anschließenden Arbeitsgruppen aufgenommen werden.

Ein schöner abendlicher Ausklang war das Erzählcafe, wo in vier Runden Mitglieder des Versöhnungsbundes und anderer Friedensorganisationen berichteten, wie sie zum Pazifismus gekommen waren und was er ihnen bedeutet.

Am Samstagvormittag teilte sich die Gruppe. Während sich die einen  in Schnupperkursen mit Themen wie Mediation, Gewaltfreie Kommunikation, Anit-Bias-Arbeit oder "Großeltern für den Frieden" beschäftigten, fuhren die anderen mit einem Bus nach Magdeburg, um sich im Rahmen des "Kirchentags auf dem Weg" an einem Friedensweg zu beteiligen und mit vielen selbstgemachten Plakaten das Thema in die Innenstadt zu tragen. Am Ende lauschten sie der Proklamation des Magedeburger Friedensmanifestes, das von verschiedenen Kirchenvertreterinnen und -vertretern am Tage vorher verabschiedet worden war.

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Friedensweg

Am Nachmittag wurden in Diskussionsforen erneut viele Aspekte der Friedensarbeit beleuchtet, bevor der Abend dann festlich ausgleiten konnte: Zuerst mit einem Gottesdienst, zu  dem Heidemarie Langer bibliodramatische Elemente beisteuerte, dann mit einem Rückblick auf 25 Jahre hauptamtliche  Friedensarbeit von Clemens Ronnefeldt im Versöhnungsbund und schließlich mit Tanzen, Essen, Trinken und Klönen bis tief in die Nacht.

Und wenn sich das Ganze jetzt alles sehr kopflastig anhört, daneben gab es wie immer auch die Mosaikgruppen am Anfang, den Tagesauskling für Kinder, das Jugendforum, das morgendliche Yoga und 1000 Begegnungen im Sonnenschein auf dem schönen Gelände des KIEZ in Arendsee.

Die folgenden Dokumente im Anhang geben einen kleinen Einblick in das Tagungsgeschehen:

  • die Einladung
  • die Thesen von Ullrich Hahn in der AG3: Pazifismus und offene Grenzen
  • ein persönlicher Bericht von der Kommission Beloved Communities mit einem Glossar: verschiedener Formen von Gewalt bewusst werden
  • der Bericht aus der Kommission Gewaltfreie Kommunikation
  • weitere Berichte auch zur Mitgliederversammlung  im Heft 2017/2 der VERSÖHNUNG.

Einen schönen Bericht mit Bildern und einem kurzen Film hat auch die Argentur Pressenza erstellt, die die ganze Tagung begleitet hat, ebenso Interviews  mit Ullrich Hahn, Lucas Johnson und Clemens Ronnefeldt, die sich unten auf dieser Seite befinden.

Auf der anschließenden Mitgliederversammlung wurden auch zwei Presseerklärungen beschlossen (auch sie finden sich im Anhang).

  • Mehr Mitmenschlichkeit gegenüber Schutzsuchenden! - Kriegsdienstverweigerung muss ein Asylgrund sein
  • Friedensbildung stärken statt Gewaltdenken fördern! - Pressemitteilung zum Tag der Bundeswehr am 10.6.2017