Erfolgreiche Gebete

Ein Bericht unseres Vorsitzenden Berthold Keunecke aus Ostjerusalem

In Ostjerusalem ist die Freude groß: Der Bezirk um die Al-Aqsa-Moschee ist wieder zugänglich! Die Metalldetektoren sind abgebaut, auch die Kameras, die sie ersetzen sollten, sind weg – die Gebete waren erfolgreich. Ich habe die Altstadt in den letzten zwei Wochen fast täglich besucht – allerdings nicht im Dunkeln und nicht zu den Gebetszeiten, um nicht Gefahr zu laufen, in Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden. Denn es gab ja auch viele Zusammenstöße – nach den Gebeten, die direkt vor dem größten Eingang zum Moschee-Areal am Löwentor abgehalten wurden, und in den verschiedenen Stadtteilen. Doch obwohl es heftigen Auseinandersetzungen waren, mit Steinen auf der einen und Gummigeschossen, Tränengas und manchmal sogar scharfer Munition auf der anderen Seite – überwiegend war der Protest nach meiner Wahrnehmung gewaltfrei. Sogar gestern, als die Gläubigen ihren Sieg über die Kontrolleure feierten, kam es zu Polizeieinsätzen im heiligen Bezirk. Die Jerusalemer Kirchenführer, die einen Solidaritätsbesuch machten, wurden zunächst von der Polizei am Zugang gehindert, durften später aber doch hinein – ich selbst konnte sie leider nicht dorthin begleiten.

Die Spannung war hoch in diesen zwei Wochen, immerhin war der gesamte Betrieb in dem „Geheiligten Bezirk“ der Muslime lahmgelegt, und da gehören eben auch einige Arbeitsplätze dazu, wie mir einer der Moscheewächter erzählte. Aber es ging ja um viel mehr als das: Als die israelischen Sicherheitskräfte nach dem Attentat vom 14. Juli die Einlasskontrollen zur Moschee durch Metalldetektoren verstärkten, ohne dies mit der Verwaltung des Areals, dem Waqf, abzusprechen, haben sie ihre Zusage des ungehinderten Zugangs zum drittheiligsten Ort der Muslime eingeschränkt und damit ein Symbol aufgebaut: Die Detektoren standen für das Kontrollregime, dem sich die Palästinenser hier überall ausgesetzt sehen. Von den Fragen, ob ein Haus renoviert oder sogar neu gebaut werden darf bis hin zu Besuchserlaubnissen für Krankenhäuser, Familienfeiern oder eben auch der Moschee – alles ist immer von den Bescheinigungen der israelischen Behörden abhängig, die Ostjerusalem im Krieg 1967 erobert haben. Mit diesen Bescheinigungen macht die israelische Regierung Bevölkerungspolitik zugunsten einer jüdischen Mehrheit, so bewerten es die hiesigen Menschenrechtsanwälte, z.B. die der katholischen Organisation „St. Yves“. Auch dagegen richtete sich also der Moschee-Protest.

Darum haben sich auch die Kirchen sehr deutlich auf die Seite der islamischen Al-Aqsa- Behörden gestellt: „Muslime haben das Recht auf freien Zugang und Verehrung in der Al Aqsa Moschee.“ haben die Oberhäupter aller größeren Kirchen Jerusalems erklärt. Diese Solidarität hat viele getragen: „Dies ist eine bedeutende Lektion, die die Palästinenser lernen können, dass der Weg noch vorn ein gewaltfreier Weg ist“ schreibt ein Mitarbeiter des ökumenischen Beobachterprogramms EAPPI und fährt fort: „Als ein Jerusalemer, der hier in der Altstadt Jerusalems geboren und aufgewachsen ist, habe ich nie so etwas wie in den vergangenen zwei Wochen erlebt: Die Solidarität, das Mitgefühl und das Gefühl gegenseitiger Verantwortung war überall spürbar, die Leute haben sich wahrhaftig und friedlich versammelt, aus dem einen Grund, der wichtiger erschien als Rasse, Geschlecht, Religion oder politische Zugehörigkeit.“

Ich habe als distanzierter Beobachter nur einen Teil davon mitbekommen– aber aufgefallen ist mir die ganz große Einigkeit der Menschen. Maßnahmen wie das Zutrittsverbot zur Altstadt, das am letzten Freitag, dem Gebetstag der Muslime, an den Eingangstoren der alten Stadtmauer durchgesetzt wurde, haben diese Solidarität vielleicht sogar erhöht. Dass eben auch in den Kirchen für den offenen Moscheezugang gebetet wurde, habe ich erlebt, und dass sich muslimische Frauen und Männer zum Gebet auf der Straße versammelten, getrennt und doch nebeneinander. All diese Gebete haben zum Erfolg beigetragen, so wie sicher auch der Druck von ausländischen Regierungen. Hoffentlich ein Schritt auf dem Weg zu mehr Offenheit – und später vielleicht zu einer Beendigung der Situation der Besetzung.


Ich nehme für das Berliner Missionswerk am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Dieser Bericht gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des Berliner Missionswerks oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind. Wenn die hier enthaltenen Informationen veröffentlicht werden sollen (einschließlich Veröffentlichungen auf einer Webseite), fragen Sie bitte zunächst bei mir um Erlaubnis.
Berthold Keunecke
 

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Bild: 

Durch die Metalldetektoren will niemand hindurchgehen