Heidelberger Gespräch: Reformation und Widerstand

Bei dem „Heidelberger Gespräch“ kommen einmal im Jahr in der Regel in Heidelberg Friedenspraktiker/innen und Friedensforscher/innen zum Austausch zusammen. Die Veranstaltungsreihe wird von der AGDF und FEST gemeinsam getragen. Das Thema des „Heidelberger Gespräches“ im kommenden Jahr lautet „Radikalisierung und Gewaltbereitschaft bzw. gewalttätiges Tun“. Dr. Corinna Hauswedell, die für die FEST einige Jahre an der Planung und Durchführung der Veranstaltungsreihe beteiligt war, wurde in Eisenach verabschiedet. Ihre Aufgabe für die FEST übernimmt nun Sarah Jäger.

Nicht nur Martin Luther, auch Thomas Müntzer und die Täuferbewegung strebten eine Reformation der Kirche an. Doch anders als Luther lebten die Täufer in zweifachem Widerstand, zum einen gegen die bestehende kirchliche und staatliche Ordnung, zum anderen aber auch gegen die neu entstehenden Ordnungen der Reformation. „Reformation und Widerstand“, das ist ein Blick auf diese radikale Reformation der Täuferbewegung, es ist aber auch die Frage, ob es nicht auch bei Martin Luther Impulse zum Widerstand gibt, auf die später beispielsweise der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer seinen Widerstand in der NS-Zeit begründete.

 

„Zum aktiven Widerstand im Nationalsozialismus hatte ein Angehöriger der evangelisch-lutherischen Tradition sicher den schwersten Zugang, weil diese Tradition so etwas nicht vorsah“, betonte Horst Scheffler, der Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), beim „Heidelberger Gespräch 2017“ von AGDF und der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Eisenach. Bonhoeffer sehe in dieser kirchlichen Möglichkeit des Widerstands nur den paradoxen Ausdruck ihrer letzten Anerkennung des Staates. „Die Kirche weiß sich hier aufgerufen, den Staat als Staat vor sich selbst zu schützen und zu erhalten. Die Notwendigkeit eines solch unmittelbar politischen Handelns der Kirche ist jeweils von einem evangelischen Konzil zu entscheiden und kann vorher nie kasuistisch konstruiert werden“, so Horst Scheffler.

 

Der AGDF-Vorsitzende verwies darauf, dass Martin Luther streng zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt unterschieden habe. So gab es für den Reformator ein kirchliches Widerstandsrecht gegen den Papst durch den Vorrang der Heiligen Schrift, allerdings erkannte Luther mit fortschreitender Reformation auch ein weltliches Widerstandsrecht an, meinte Horst Scheffler in Eisenach. „Zunächst lehnte er ein solch weltlichen Widerstand aber ab, doch nach dem Reichstag von Augsburg und der zunehmend bedrohlicher werdenden Lage der Protestanten erklärte Luther ihn für zulässig, wobei der Widerstand allerdings primär von Politikern und Juristen in eigener Verantwortung vor Gott zu prüfen, zu entscheiden und auszuführen sei“, so der AGDF-Vorsitzende.

 

Dietrich Bonhoeffer hielt es nach Worten von Horst Scheffler für nötig, dass die Kirche dem Staat die moralische Seite seiner jeweiligen Maßnahmen zu Gesicht bringe und den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet sei. Sofern der Staat in seiner Recht und Ordnung schaffenden Funktion versage, bestehe laut Bonhoeffer die Möglichkeit dann auch darin, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“, betonte der AGDF-Vorsitzende.

 

Zu Beginn der Tagung hatten sich die Teilnehmer des „Heidelberger Gesprächs“, das im Reformationsjubiläumsjahr diesmal in Eisenach stattfand, auf die Spuren der Täuferbewegung als einer geschwisterlichen Kirche in dieser thüringischen Stadt begeben, angeleitet von dem mennonitischen Theologen Wolfgang Krauß. Er erinnerte an Thüringer Anhänger der Täuferbewegung wie Fritz Erbe, der im Storchenturm in Eisenach auf sein Urteil wartete und dabei zu einem Symbol des Widerstandes gegen Staat und Kirche wurde. Später wurde Erbe auf der Wartburg inhaftiert und starb dort 1548. Weitere Stationen in Eisenach waren das Lutherdenkmal und das Lutherhaus sowie der Amtssitz des damaligen lutherischen Superintendenten Justus Menius, zu dessen antitäuferischen Schriften Luther jeweils ein Vorwort geschrieben hatte.

 

Wie sich das Recht auf Widerstand in Geschichte und Gegenwart entwickelte, beleuchtete Ullrich Hahn, der Präsident des deutschen Zweigs des Internationalen Versöhnungsbundes, in Eisenach. „Die Inhaber der staatlichen Gewalt und die Justiz haben mit dem Widerstandsrecht ihre eigenen Probleme“, betonte Hahn. Während der Widerstand gegen Unrechtsstaaten gerne als Recht anerkannt werde, gelte dies nicht für ein Widerstandsrecht im Rechtsstaat. Dabei sei klar: Die vorhandenen Gesetze, auch im Rechtsstaat, sind nicht automatisch auch Recht, betonte der Präsident des deutschen Zweigs des Internationalen Versöhnungsbundes.

 

Seit Beginn der Rechtsgeschichte habe das Recht immer die Funktion, sich der Macht entgegen zu stellen in Gestalt ohnmächtiger Menschen, meinte Hahn und verwies auf den Tyrannenmord in der Antike, die Unterstellung des Königs unter das Recht im Mittelalter oder die parlamentarische Bindung des Monarchen an Recht und Parlament beim Ende des Absolutismus. Er wünsche sich, dass Minderheiten, kleine Gruppen oder gar Einzelne nicht vor dem Unrecht zurückschrecken und resignieren würden, sondern beharrlich widerstehen und sich dabei im Recht wissen, betonte er.

 

Widerstand gegen den gesellschaftspolitischen Mainstream, er spielte auch eine wichtige Rolle bei der Arbeit von AGDF-Mitgliedern. So berichtete in Eisenach Volker Nick von der Friedensinitiative Mutlangen über die „Kampagne Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung“ in den 1980er Jahren gegen die sogenannte Nachrüstung sowie von den heutigen Aktionen in Büchel in der Eifel gegen die dort stationierten letzten Atomwaffen in Deutschland. Dagmar Pruin von der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) verwies auf das große Interesse am Jahresthema „Widerstand“ ihrer Organisation, das nicht zuletzt vor dem Hintergrund der „Pegida“-Demonstrationen in Dresden und der Naziaufmärsche ausgewählt wurde.

 

Thomas Nauerth vom Internationalen Versöhnungsbund meinte in Eisenach, man könne das Wort „Widerstand“ zum Leitbegriff friedlichen Handelns in all seinen Feldern machen, da auch eine gewaltfreie Bildung und ein gewaltfreier Aufbau – die anderen Arbeitsfelder des Versöhnungsbundes – darauf abzielen würden, den herrschenden Mechanismen einer Gesellschaft etwas entgegenzusetzen, dem leitenden Geist einer Gesellschaft zu widersprechen und zu widerstehen, so Nauerth. Der Mythos erlösender Gewalt sei die derzeitige Religion, der sowohl der IS wie auch die USA, Deutschland, Nordkorea, China oder Russland anhängen würden. „Diesem Mythos nicht zu folgen, dem Glauben an die Gewalt zu widerstehen, diesen Glauben immer wieder zu demaskieren, Alternativen aufzuzeigen und zeichenhaft aufzubauen, den Opfern des Herrschaftssystem beizustehen, all dies ist nichts anderes als Widerstand. Es ist der heute für die Zukunft der Menschheit bitter nötige Widerstand“, betonte der Theologe.

 

Anja Petz von der Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion (KURVE Wustrow) berichtete in Eisenach vom Widerstand im Wendland gegen das geplante Atommüll-Endlager Gorleben, wo KURVE ein Ort des lokalen Widerstands gewesen sei. In den 1990er Jahren sei die Arbeit der Bildungs- und Begegnungsstätte verbreitert worden, allerdings habe das Finanzamt dabei die Gemeinnützigkeit in Frage gestellt, was zu einer Zurückhaltung mit dem Begriff Widerstand führte, gab sie zu bedenken. Erst seit 2010 würde KURVE wieder stärker auf örtliche Initiativen zugehen, was zu Diskursen über das Verständnis von gewaltfreien Aktionen führe.

 

In Gruppen wurde ausführlich über diese Fragen diskutiert, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede nachgedacht. „Deutlich wurde, dass Widerstand, Widerstehen und widerspenstig sein gegen die Macht der Herrschenden durchaus eine permanente Aufgabe und Frage ist“, so Jan Gildemeister, der AGDF-Geschäftsführer. Doch über die Frage von dafür angemessenen und wirkungsvollen Aktionen, ob der Begriff „Widerstand“ auch wirklich dafür geeignet sei und wie mit gewalttätigen Aktionen umgegangen werden solle, wurde leidenschaftlich diskutiert. „Wichtig ist, dass wir schauen, wann es wichtig erscheint, Widerstand zu leisten, aber dass wir uns auch immer wieder die Frage stellen, ob wir in unserer Arbeit widerspenstig genug sind“, so Horst Scheffler.

 

Mit Betroffenheit und Bestürzung reagierten die Teilnehmer des „Heidelberger Gesprächs“ auf die Nachricht vom Tod Michael Sharps, der Mitte März bei seinem Einsatz im Rahmen einer UN-Mission zur Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen im Kongo ermordet wurde. Michael Sharp war viele Jahre Mitarbeiter des Deutschen Mennonitischen Friedenskomitees. Im Military Counseling Network begleitete er US-Soldaten während des Irakkrieges und half ihnen, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden oder andere Wege aus dem Militär zu finden. In ähnlicher Weise suchte er im Kongo Kontakt zu Angehörigen bewaffneter Gruppen und ermutigte sie, die Waffen niederzulegen.