"Beloved communities"?

1. "Beloved community" oder "communities"?


De Bezug ist ein Zitat von Martin Luther King; dabei fällt auf, dass King nur von einer einzigen"beloved community" gesprochen hat. Er stand dabei unter dem Einfluss der europäischen Linken, nach der unsere Liebe sich auf eine Einheitsgesellschaft bzw. einen Einheitsstaat (République Francaise, Sowjetunion, Weltstaat etc.) richten sollte.
Diese Denkweise war der Realität nicht angemessen; und dagegen hat sich inzwischen offenbar der alte amerikanische Pluralismus durchgesetzt ("cultural pluralism", "communitarism"), nach dem unsere Zuneigung sich durchaus auf eine partikulare Gemeinschaft (normalerweise die eigene) richten darf.
Das ist entschieden ein Fortschritt. Aber es erfordert, dass alle communities alle anderen anerkennen. Und zwar ohne prinzipiellen Vorbehalte: Es muss allen Menschen offenstehen, welche Art von community sie sich aufbauen wollen (das gehört zum persönlichen "pursuit of happiness"), ohne dass Dritte ihnen da Vorschriften machen: die alte "Vereinigungsfreiheit".


Hier gibt es nun einen Widerspruch. Denn aus der älteren "unitarischen" Tradition ist die Vorstellung stehen geblieben, alle "Männerbünde" und alle "weißen Vereinigungen" müssten durch innere "Diversität" zum Verschwinden gebracht werden. Während Frauen, Schwarzen usw. eine eigene "beloved community" zugestanden wird.
Frieden ist aber nur durch wechselseitige Anerkennung und Gleichbehandlung beider Seiten möglich.

2, Gerechtigkeit - Privilegien - Diskriminierung


Die Social-Justice-Bewegung geht vom Begriff der Gerechtigkeit aus. Privilegierung soll dann darin bestehen, dass jemand einen "unberechtigten" Vorteil hat; Diskriminierung soll darin bestehen, dass wir jemandem einen "unberechtigten" Vorteil zubilligen, was impliziert, dass alle anderen im Verhältnis einen "unberechtigten" Nachteil haben.


Dieses ganze Modell hängt in der Luft, weil nirgendwo definiert wird, was genau unter "Gerechtigkeit" verstanden werden soll. Es liest sich großenteils so, als sei mit "Gerechtigkeit" absolute Gleichheit gemeint und als dürfe es überhaupt keine Vorteile und Nachteile für irgend jemand geben. (Aber auch das wird nicht definitiv behauptet.)


Solange aber keine Definition von Gerechtigkeit vorgelegt wird, lässt sich auch nicht darüber diskutieren, was im Einzelfall als "unberechtigt" gelten soll. Eine argumentative Auseinandersetzung wäre sehr wünschenswert, ist aber so unmöglich. Die Argumentation als Mittel zum Verständigungsfrieden fällt weg.

3. Normalität - Normativität - statistisches Denken


Es gibt Ereignisse, die häufiger eintreten als andere. Ab einer bestimmten Häufung finden wir das Eintreten solcher Ereignisse normal.
Wenn Ereignisse häufiger eintreten, können wir mit höherer Wahrscheinlichkeit erwarten, dass ein solches Ereignis im Einzelfall eintritt.
Rational ist, an eine Situation zunächst die Erwartungen zu richten, die sich aus dem "ersten Eindruck" ergeben, d.h. aus den zuerst wahrgenommenen Merkmalen. Man erwartet dann, dass das passieren wird, was bei diesen Merkmalen am häufigsten passiert - die durchschnittliche Konsequenz. (Zweifellos sollte man neben dem Durchschnitt auch die Streuungsmaße berücksichtigen, soweit man sie kennt.) Lernt man die Situation näher kennen, dann treten weitere Merkmale ins Blickfeld und dadurch verschieben sich die Häufigkeitsüberlegungen und die daraus abgeleiteten Erwartungen. Nach diesem Verfahren arbeiten Menschen instinktiv.


Das alles gilt auch für soziale Situationen zwischen Menschen. Man erwartet von ihnen zunächst die Art von Verhalten, die nach dem ersten Eindruck, aufgrund bisheriger Erfahrungen, am häufigsten auftritt; dann korrigiert man die ersten Erwartungen anhand des Bildes, das der Mensch bei näherer Kenntnis von sich abgibt. (Deshalb hat sich herausgestellt, dass die meisten zwischenmenschlichen "Stereotype" sehr nahe an der wissenschaftlich ermittelten Realität liegen.)


Selbstverständlich ist dieses "instinktive" statistische Denken nicht perfekt. Manchmal wird es von Ängsten und Wünschen überrollt; manchmal wird die Streuung unterschätzt; manchmal "klebt" man zu sehr am ersten Eindruck. Gegen diese Denkfehler kann man sinnvoll agitieren.


Davon muss aber unterschieden werden eine Agitation, der es prinzipiell darum geht, statistisches Denken (in Häufigkeitsverteilungen, Durchschnitt und Streuung, Wahrscheinlichkeit und Erwartbarkeit) abzuschaffen. Zugegeben, bei zwischenmenschlichen Beziehungen schafft jede Erwartung der einen Seite einen gewissen "Erwartungsdruck" auf der Gegenseite. Und obwohl wir statistische Erwartungen von normativen Ansprüchen gut abgrenzen können, ist der statistisch bedingte Erwartungsdruck von einem normativ bedingten Erwartungsdruck schwer zu unterscheiden. Aber die Lösung kann nicht einfach darin bestehen, alle Erwartungen (und insbesondere alle negativen Erwartungen) abzuschaffen; sondern es muss darum gehen, dass Menschen lernen, einem Erwartungsdruck standzuhalten.

Foren: 

Antwort von Annette Kübler

Annette Kübler, die sehr aktiv unsere Kommission Beloved Communities mitgestaltet, hat auf die Kritik von Rainer Möller unter der Überschrift  "Warum der Kontext relevant ist - oder: gewalt-bewusst werden" eine ausführliche Antwort geschrieben, in der sie sich kritisch mit seinen Annahmen in diesem und seinem letzten Forumsartikel auseinandersetzt.

Er beginnt:

"Gewaltfreie Kommunikation und anti-bias zusammen zu bringen ist mir auch ein wichtiges Anliegen - nach meiner bisherigen Einschätzung ist der Knackpunkt der Umgang mit struktureller Gewalt. Ich wünschte, GFK würde Macht als gesellschaftliche Realitäten von Dominanz und Diskriminierung systematischer thematisieren. Bisher hilft mir GFK sehr gut für meine innere Klärung, wie ich mit Erfahrungen von Diskriminierung umgehen möchte, doch in konkreten Interaktionen finde ich es notwendig den Rahmen, der durch Machtverhältnisse geschaffen wird, mehr zu berücksichtigen."

Und er endet:

„do your research“

Es ist notwendig sich fortzubilden. Zum Beispiel mit: Grada Kilomba, Chimananda Ngozi Adichie, Paul Mecheril, Maria do Mar Castro Varela, Idil Baydar, Mutlu Ergün und viele, viele andere, die schreiben und sprechen und versuchen Wege zu eröffnen. Um Gewalt abzubauen und das Versprechen „die Würde des Menschen ist unantastbar“ etwas mehr zur Wirklichkeit werden zu lassen, brauchen wir alle.

"Menschenrechte sind, wie empowerment, auch voll Bombe. Verstehst du, Kollega? Wenn wir sie ernst nehmen würden, egal welches Geschlecht, welche Religion oder sexuelle Ausrichtung jemand hat, wenn die Menschenrechte ausnahmslos für alle auf der Welt gelten würden: Wow, das wäre total cool. Ich schwöre, das würde sich für alle lohnen. "(Idil Baydar)

Alles weitere (auch die Belege zu den Namen) in der beigefügten Datei.

Dateianhang: 

Antwort

 

Ich fang mal mit dem dritten Absatz an, da ich diesem am meisten widersprechen würde.

1. Problem: Die Annahme, dass Menschen in der Lage sind objektiv alle Ihre Erfahrungen in Statistiken umzurechnen und neutral einen Mittelwert zu bilden (oder äquivalent ihre Meinung bilden),  ist nach aktueller psychologischer Forschung meines Erachtens nicht haltbar.  Menschen merken sich nicht alle Erfahrungen gleich. Dinge, die unseren vorherigen Ansichten entsprechen, werden sehr viel leichter wahrgenommen und abgespeichert, als wenn sie ihnen widersprechen (Zimbardo, 2008). Des Weiteren gibt es einen Ingroup Bias (z.b. Taijfel & Turner, 1979 oder 1984 ), der dafür sorgt, dass wir die Gruppe zu der wir gehören (aber auch bereits die Gruppe zu der man uns sagt, dass wir zu ihr gehören, selbst, wenn uns ansonsten nichts mit der Gruppe verbindet (Minimal group Paradigm)) positiver bewerten, als die Fremdgruppe. Also wenn wir etwas Positives von Personen aus unserer Gruppe wahrnehmen, wird das eher generalisiert und gemerkt, wenn wir etwas Positives von Personen aus der Fremdgruppe wahrnehmen, wird es häufiger als Einzelfall abgespeichert oder ganz vergessen, beim negativen genau anders herum (vgl. LIB von Maass, A., Salvi, D., Arcuri, L., & Semin, G. 1989, Mcauliffe & Dunham, 2016 etc.).

2. Problem: Stereotype und Vorurteile basieren nicht auf nur rein neutralen statistischen Erfahrungen. Welche Stereotype und Vorurteile sich durchsetzen, hat auch was damit zu tun, wer die Macht und den Einfluss hat, diese zu verbreiten und zu definieren. Sie hängen auch davon ab, was in den Medien auftaucht, wem zu gehört wird und was wir von Klein auf lernen. Wir lernen Stereotype und Vorurteile ohne Probleme auch ganz unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Wir erlernen unsere Einstellungen grundsätzlich nicht nur über Erfahrung, sondern auch darüber, welche Einstellung von Menschen, die uns wichtig sind (z.B. Eltern), aber auch von der Gesellschaft in der wir leben, bestätigt und gefördert werden (vgl. z.B. Hildum & Brown, 1956)

Menschen sind nicht rational, erst recht nicht, was Angst angeht. Z.B. ist es deutlich wahrscheinlicher im Auto zu sterben als im Flugzeug, trotzdem haben die Menschen mehr Angst vorm Fliegen als vorm Autofahren.

 

3. Problem: Der Mensch neigt dazu Kausalitäten anzunehmen. Also auch wenn zwei Dinge zufällig zusammen fallen, neigt der Mensch dazu zu denken, dass das eine das andere bedingt. Es werden Verhaltensweisen mit äußerlichen Merkmalen verknüpft, ohne das es irgendeinen logischen oder realen Grund gibt, warum das eine das andere Bedingen sollte. Der Mensch ist leider nicht so gut darin, Situationsfaktoren mit einzubeziehen. Wir neigen dazu die Umstände zu vernachlässigen und einmal beobachtetes Verhalten dem Wesen der Person zuzuschreiben, gehen also davon aus, sie würde sich auch unter anderen Umständen genauso verhalten, auch wenn das in Wirklichkeit nicht sehr wahrscheinlich ist. (Correspondence Inference Bias, z.B. Ross, Amabile, & Steinmetz, 1977 oder Gilbert, Pelham, & Krull (1988), Zusammenfassend Gerrig & Zimbardo, 2008). Dies wird dann als unveränderlich angenommen.  Die willkürliche Zuschreibung zu einer homogenisierten Gruppe mit angeblich homogenen Eigenschaften (oder „statistisch wahrscheinlicheren“ Eigenschaften) lässt dabei die Individuen völlig außer Acht. Und ist auch nicht für alle gleich. Mitglieder bestimmter Gruppen (z.B. Weiße) haben das Privileg als unmarkiert durch die Gegend zu gehen und eher als Individuum wahrgenommen zu werden

 

4. Problem Dass der Erwartungsdruck als einziges Problem wahrgenommen wird, empfinde ich als sehr irritierend. Wenn Menschen mit exakt dem selben Lebenslauf,  der selben Erfahrung und Qualifikation allein auf Grund eines als nicht deutsch wahrgenommenen Namens, weniger eingestellt werden (in Deutschland leider Realität siehe: Schneider, Yemane & Weinmann, 2014), hilft es diesen Menschen nicht, wenn sie sich nicht dem Erwartungsdruck entsprechend verhalten.

Diskriminierung erfolgt nicht rational sinnvoll, sondern hat ganz viel mit Assoziationen und Gefühlen zu tun, die uns teilweise nicht mal bewusst sind (vgl. Aversiver Rassismus nach Pearson, Dovidio, & Gaertner, 2009 oder das APE-Modell nach Gawronski und  Bodenhausen, 2011).


Zum ersten Punkt:
Zur Frage nach dem Namen der Kommission: Hier finde ich den Inhalt sehr viel wichtiger als den Namen und ob da nun Plural oder Singular steht.
Aber der Grundargumentation, dass die beloved community eine Einheitsgesellschaft darstellt, würde ich widersprechen. Ich habe das Zitat eher so verstanden, dass es gerade nicht um alle müssen gleich sein geht, sondern darum in ferner Zukunft mal eine Gesellschaft zu haben, in der alle, gerade auch in ihrer individuellen (nicht zugeschriebenen) Unterschiedlichkeit gleichberechtigt und miteinander versöhnt sind. 

Zum zweiten Punkt:
Auch hier fehlt mir der Bezug zur Arbeit der Kommission. Die Ziele der Kommission sind recht konkret und kommen ohne eine Definition von Gerechtigkeit aus. Das Wort kommt nicht mal drin vor, auch kein Bezug zur Social Justice Bewegung. (Auch wenn ich weniger Rassismus und Diskriminierung schon als gerechter empfinde). Grundsätzlich würde ich auf keinen Fall zustimmen, dass wir eine eindeutige allgemeingültige Definition brauchen, bevor wir etwas gegen Unrecht tun können. Der Versöhnungsbund hat ja sogar in seinem Motto das Wort „Unrecht“ stehen. Ich bin davon überzeugt, dass man auch ohne Definition Unrecht erkennen und etwas dagegen tun kann.

Quellen:

Lehrbuch:

Gerrig, R. & Zimbardo, P. (2008). Psychologie. München: Pearson.

Studien:
- Schneider, J., Yemane, R. & Weinmann, M. (2014). Diskriminierung am Ausbildungsmarkt Ausmaß, Ursachenund Handlungsperspektiven. URL: http://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2014/11/SVR- FB_Diskriminierung-am-Ausbildungsmarkt.pdf
- Pearson, A. R., Dovidio, J. F., & Gaertner, S. L. (2009). The Nature of Contemporary Prejudice: Insights from Aversive Racism. Social and Personality Psychology Compass, 3(3), 314–338. doi:10.1111/j.1751-9004.2009.00183.x
- Maass, A., Salvi, D., Arcuri, L., & Semin, G. (1989). Language Use in Intergroup Contexts: The Linguistic Intergroup Bias. Journal of Personality and Social Psychology, 57 (6), 981-993.
- Tajfel, H., & Turner, J. C. (1979). An Integrative Theory of Intergroup Conflict. In W. G. Austin & S. Worchel (Hrsg.), The Social Psychology of Intergroup Relations (S. 33-47). Monterey, CA: Brooks/ Cole.
- Tajfel, H., & Turner, J. C. (1986). The Social Identity Theory of Intergroup Behavior. In S. Worchel & W. G. Austin (Hrsg.), Psychology of Intergroup Relations (S. 7-24). Chicago: Nelson Hall.
- Gawronski B., Bodenhausen G. V. (2011). The associative- propositional evaluation model: Theory, evidence,and open questions. In Zanna M. P., Olson J. M. (Eds.), Advances in experimental social psychology (Vol. 44, pp. 59–127). Amsterdam, The Netherlands: Elsevier
-Ross, Amabile, & Steinmetz (1977). Social roles, social control, and biases in social-perception processes. Journal of Personality and Social Psychology 1977, Vol.35(7), pp.485-494
- Hildum, D.C. & Brown, R.W. (1956). Verbal reinforcement and interviewer bias. Journal of Abnormal and Social Psychology, 53, S. 108-111.
- Mcauliffe & Dunham (2016). Group bias in cooperative norm enforcement Philosophical transactions of the Royal Society of London. Series B Biological sciences, 19 January 2016, Vol.371(1686), pp.20150073