Das verschwiegene Erbe

Neue Studie beschreibt Beispiele für die gesellschaftsverändernde Kraft der Gewaltfreiheit in der DDR, beim Mauerfall und in der Gegenwart

Für die friedlichen Veränderungen in der DDR bis 1989 spielten Basisgruppen und evangelische Kirchen eine wesentliche Rolle. Die Kirchen boten Freiräume, in denen vieles möglich war, was ansonsten systematisch unterdrückt wurde: Kritik und Ängste zu äußern, Ohnmacht zu überwinden und statt dessen Zivilcourage zu entwickeln und sich einzumischen, friedliche Wege des Protestes zu finden und dabei demokratische Verfahren zu üben.

Durch einen erzwungenen Bruch in den kirchlichen Strukturen begann in den Kirchen der DDR ein ganz eigener Weg: 1969, im Zusammenhang mit der neuen Verfassung der DDR, mussten die DDR-Kirchen auf Druck der SED-Führung die „besondere Gemeinschaft“ mit der EKD (Evangelische Kirche Deutschland) aufgeben. Sie gründeten den Bund Evangelischer Kirchen (BEK) in der DDR. Während die EKD immer eng in die wirtschaftlichen, politischen und militärischen Strukturen Westdeutschlands eingebunden und somit eher staatstragend blieb, entwickelte der BEK in der Folge einen ganz eigenen Weg. „Es war das erste Mal in der deutschen Geschichte, dass Kirche sich ganz konsequent vom Staat getrennt hat“, sagt Eberhard Bürger, Autor einer neuen Studie über den Beitrag der DDR-Kirchen am Mauerfall. „Diese Trennung führte dazu, dass sie theologisch andere Akzente gesetzt hat und politisch geworden ist“. Dazu gehörten die frühzeitige Förderung und umfassende Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern, aber auch Anstrengungen, um von Geist, Logik und Praxis der gegenseitigen Abschreckung im Kalten Krieg zu Konzepten „Gemeinsamer Sicherheit“ zu kommen, die von der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) aufgegriffen wurden.

Ohne diesen Aufbruch der DDR-Kirchen zu einer „Kirche des Friedens“ wäre der Boden für gewaltfreie Veränderungen kaum bereitet worden. „Sie wurde deutlicher ‚Kirche für andere‘, sie löste sich aus der Angst und der Fixierung um die eigene Sicherheit und brachte sich ein für die gemeinsame Sicherheit und Freiheit vieler“, schreibt Eberhard Bürger. Das hatte auch Folgen für die Wahrnehmung der Kirche: Immer mehr Menschen in der DDR „begannen zu ahnen, was Kirche sein konnte: eine geistesgegenwärtige, befreiend-widerständige und menschliche Bewegung“.

Grund genug, für den 64-jährigen Theologen aus Magdeburg, zum 25. Jahrestag die Erfahrungen der DDR-Kirchen und ihren Beitrag zur Wende in einer fast 300-Seiten starken Studie zusammen zu tragen, die jetzt vom Deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes veröffentlicht wurde. Zahlreiche Dokumente aus verschiedenen Quellen helfen zu verstehen, wie es in der DDR zu einer solch gewaltigen und friedlichen Aufbruchbewegung kommen konnte.
 

Bürger erzählt z.B. von der Ausbürgerung von Kriegsdienstverweigerern, er erinnert an die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz, den Besuch von Martin Luther King 1963 in Ost-Berlin und den Olof-Palme-Friedensmarsch 1987 und viele andere Ereignisse. Er beschreibt den Widerstand der Kirchen gegen die Einführung des Wehrunterrichtes an den DDR-Schulen und den Mut und die unermüdlichen Aktivitäten der Friedensaktivistin Marie Pleißner.
 

„Die DDR wurde atemberaubend schnell an die Bundesrepublik angegliedert. Auch der Bund Evangelischer Kirchen in der DDR ging zu schnell in der EKD auf, ohne seinen eigenständigen Weg als einen besonderen Reichtum zu schätzen“, bedauert Eberhard Bürger. So wurden die von der Ökumenischen Versammlung in der DDR 1989 beschlossenen Herausforderungen an die Kirchen zwar in der weltweiten Kirche (Ökumene) wahrgenommen, in der EKD jedoch schienen sie kaum zu existieren.

Erst allmählich wird Gewaltfreiheit wieder als eine legitime christliche Grundhaltung auch öffentlich ins Gespräch gebracht. Dabei ist Gewaltfreiheit die wesentliche und nachhaltig verändernde Kraft individueller, kirchlicher und gesellschaftlicher Entwicklung. Für die (Um-)Weltentwicklung ist sie (über-)lebensnotwendig. Die biblische Botschaft benennt diese Kraft in aller Klarheit. Bis allerdings Gewaltfreiheit zu einem verbindlichen Kennzeichen von Christsein und Kirche wird, scheint es noch ein längerer Weg zu sein. Doch die Studie zeigt, dass er sich lohnt: Kirche kann gewaltige Gesellschaftsveränderungen mit zustande bringen, wenn sie den Mut findet, Gewaltfreiheit zu ihrem Bekenntnis zu machen und sich damit ins öffentliche Gespräch einzubringen. Ein wichtiger Schritt, ihrem biblischen Auftrag gerecht zu werden: Kirche des Friedens werden.

„Kirche des Friedens werden – Aufbrüche im Bereich der ehemaligen DDR“

Eine persönliche Studie als Beitrag zum 25. Jahr der Friedlichen Revolution im Jahre 2014, herausgegeben vom Deutschen Zeig des Internationalen Versöhnungsbundes. Autor: Eberhard Bürger. Vorwort von Ullrich Hahn. ISBN 978-3-00-042460-1 (Bestellmöglichkeit nicht über den Buchhandel, sondern siehe unten)

Format A4, 288 Seiten, Kosten 18,00 € + Porto + Versand.

Weitere Infos und Bestellmöglichkeit (gegen Rechnung des Versöhnungsbundes) unter buerger.arendsee@gmx.de oder Tel. 0391-81 95 93 66)