Pfingsten ist vorbei.

Ein Bericht von der Kommission Beloved Communities auf der Jahrestagung 2017

(im Anhang ein Überblick über verschiedene Formen von Gewalt)

Pfingsten ist vorbei.

Mist. Damit habe ich ein Verprechen gebrochen.

Vier Tage sind seit Pfingsten vergangen und erst jetzt finde ich die Ruhe, um diesen Bericht zu schreiben. Aber von vorne...

Über Himmelfahrt war wieder einmal die Jahrestagung des Versöhnungsbundes. Wie jedes Jahr finden sich Samstags die Kommissionen zusammen, also jene Gruppen innerhalb des VBs, die über viele Jahre hinweg an bestimmten Themen arbeiten. Vor einem Jahr gründeten wir die Kommission „Beloved Communities“, auf eine Anregung von Lucas Johnson hin, der diese Arbeit schon in den Niederlanden angefangen hat. Es geht primär um Anti-Rassismus-Arbeit. Zum einen, jenen, die rassifiziert werden und darunter leiden, einen Raum zu bieten Strategien zu entwickeln, sich auszutauschen und mit Referent*innen zu sprechen, die sich schon lange mit ihrer Arbeit gegen Rassismus und Diskriminierung einsetzen. Zum anderen, die Arbeit mit Weißen, jenen, die in der priveligierten Position sind. Sie zu sensibilisieren und sie zu unterstützen, ihre Wahrnehmung öffnen zu können und Verantwortung zu übernehmen.

Ein solches Seminar hatten Samya Korff und Annette Kübler uns an der Jahrestagung ermöglicht. Eingeladener Referent war Tsepo Andreas  Bollwinkel, 1. Solo-Oboist der Lüneburger Symphoniker. Eigentlich. Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen mit Rassifizierung und Benachteiligung ist er, außer Berufsmusiker, auch noch Trainer für u.a. Practical Black Consciousness und Critical Whiteness.

Wir begannen den Workshop mit einer Übung, draußen auf der Wiese, denn sie braucht Platz. Leider. Wir alle stehen im Kreis und bekommen jede*r einen Personalbogen mit neuen Identitäten. Darauf stehen Name, Herkunft, Religion, Hautfarbe, Berufsausbildung, Aufenthaltsstatus, Sprache, Arbeitserlaubnis etc. All diese Pernonalbögen sind reale Menschen, Freunde von Tsepo.

Ich bin Syrer und atme sofort erleichtert auf. Ganz unbewusst. Syerer sein scheint mir wohl sofort als ein bisschen besser. Obwohl ich schon weiß, dass mir Deutsch mit Akzent, keine Arbeitserlaubnis und Muslim sein wohl eher zum Verhängnis werden wird. Aber bei Syrien weiß eben gerade jeder Idiot, dass man dort nicht leben kann. Bei Syrern wird es weniger in Frage gestellt, warum sie hier sind. Oder?

Während der nächsten Minuten liest Tsepo Eigenschaften vor und gibt an, ob wir dadurch ein oder mehrere Schritte nach vorne oder nach hinten treten dürfen/müssen. Ich gehe jedes Mal nach hinten. Wirklich jedes Mal. Nur ein einziges Mal darf ich einen Schritt nach vorne gehen. Und das ist bei der Aussage: “du bist ein Mann”. Ich freue mich wahnsinnig, feiere diesen kleinen Sieg. Als dieser Syrer. Als Maria ärgere ich mich wahnsinnig darüber, denn hier wird deutlich, wie sehr man sich über Privilegien freuen kann, von denen man weiß, dass andere dadurch nicht im Vorteil sind. Ich selbst bin ja kein Mann. Und wäre ich eine syrische Frau auf diesem Zettel, hätte ich nicht einmal die Freude erlebt, einen Schritt nach vorne zu gehen. Und wie wichtig es dann doch werden kann, Mann zu sein. Wenn es das einzige positive Attribut ist, das einem zugestanden wird. Wobei man in der Debatte um Geflüchtete ja doch auch eher sieht, dass die Männer nicht gerne gesehen werden. Hm.

Am Ende der Übung gibt es einen kleinen sehr eng stehenden Kern in der Mitte, der Rest ist weit nach draußen verteilt. Ich stehe ganz außen. Verstehe nichts mehr von dem, was erzählt wird in der Mitte. Es interessiert mich auch nicht mehr. Ich blicke eher nach außen, beobachte Vögel und Bäume. Alles was dort in der Mitte erzählt wird, hat sowieso rein gar nichts mit mir zu tun. Die Mitte soll nun Vorschläge machen, wie wir weiter nach innen kommen können. Meistens hilft das alles nix. Ausbildung nochmal machen, könnte ich tun, aber dadurch darf ich ja immer noch nicht arbeiten. Deutsch lernen. Ja, bei mir geht das. Schritt nach vorne. Bei anderen allerdings nicht. Sie sprechen fließend Deutsch, haben eine super Ausbildung. Einen guten Job. Aber die verflixte Hautfarbe... Sie kommen einfach nicht von der Stelle. Weder vor, noch zurück. Ein schreckliches Gefühl. Eine Teilnehmerin gibt sogar ihren Namen auf, damit sie in die Mitte darf. Der klang einfach zu polnisch. Ich werde geheiratet. Von einer Frau aus der Mitte, die ich gar nicht kenne. Aber dadurch habe ich endlich die Arbeitserlaubnis. Fühlt sich trotzdem scheiße an, denn es hat ja nichts mit mir oder meinen Fähigkeiten zu tun, dass ich nun ein wenig mehr vom Rand weg bin.

Nach der Übung reden wir darüber, wie es uns ergangen ist in den Rollen. Was hat es mit uns gemacht? Es ist eine emotionale und fruchtbare Diskussion. Eine Teilnehmerin erzählt, dass sie, auch rassifiziert und auf der Privilegienleiter eher unten angesiedelt, mit einem Arzt zusammen ist, der, auf Grund seiner Hautfarbe und Herkunft hier allerdings nur als Putzmann arbeitet. Ich bin sofort unglaublich wütend. Unser gesamtes Gesundheitssystem ist überfordert. Menschen werden von Chirurgen operiert, die schon 24 Stunden keine Auge mehr zugetan haben. Und es gibt so viele Menschen mit den richtigen Qualifikationen, die dennoch nicht arbeiten dürfen. Es ist zum Kotzen. Diese Teilnehmerin erzählt dann unter Tränen, dass sie auch soch überlegt hat, dass sie sich vielleicht trennen sollte, weil sie ihn noch mehr blockiert. Dass er, würde er eine weiße Frau heiraten, vielleicht mehr Chancen hätte. Sofort schießen mir Tränen in die Augen. Dass eine solche Überlegung in die Beziehung von zwei Menschen eingreift, die sich offensichtlich sehr lieben, ist eine Unverschämtheit! Und es erinnert mich auch an all den Druck, der von außen in meine Ehe eingewirkt hat. All die Probleme, die nichts mit unserer ganz persönlichen Beziehung zu tun hatten. Das Gefälle, das sich auftut, wenn man nur bleiben darf, weil sie mich geheiratet hat. Die Anspannung, die ins Leben tritt, immer kurz vor dem nächsten Termine in der Ausländerbehörde. Der Fakt, dass ein Gespräch darüber, ob wir eine Paarberatung machen oder uns trennen wie folgt endet: „Wenn wir uns trennen, dann vor dem 25. Oktober. Denn da kriege ich meine Niederlassung. Wenn wir uns danach trennen, denkt jeder, ich hätte dich nur dafür geheiratet. Und so will ich auf keinen Fall gesehen werden!“ Dass nicht mal die privatesten der privatesten Gespräche unberührt vom Außen sind. Es macht so schrecklich wütend! Und auch dass die letztendliche Trennung von so vielen ständig auf „kulturelle Probleme“ reduziert wird. Habt ihr mir überhaupt zugehört!? Warum trennen sich denn deutsch-deutsche Beziehungen? Werden diese Probleme nicht gestattet in einer deutsch-türkischen Beziehung?

Aber gut. Zurück zu Pfingsten.

Am Ende des Seminars berieten wir in Kleingruppen, was jede*r von uns bis Pfingsten tun kann, um etwas an der Situation zu ändern. Einen kleinen, erreichbaren Schritt. Ein Buch zum Thema lesen, oder oder oder. Ein Versprechen, das bis Pfingsten eingehalten wird. Jede*r von uns fand etwas. Ich sagte, ich würde mal wieder nach langer Zeit etwas schreiben, dass ich an Freunde weiterleite. So, hier ist es nun. Vier Tage nach Pfingsten. Aber immerhin.

Hier noch einige Literaturtipps von Tsepo:

Americanah, Skandal in Togo, Deutschland Schwarz-Weiß, Exit Racism

Und Google-Tipps:

Achille Mbembe, Sharon Otoo, Anton W. Arno, Homestory Deutschland, Kübra Gümüşay