VB-Archiv

Hier finden sich Artikel, die zwar nicht mehr tagesaktuell sind, die wir es aber für wert halten, noch immer gelesen zu werden. Bitte das Jahr auswählen.
  • Nicht nur am Splitter, auch am Balken ziehen.

    Sa, 26/05/2001 - 00:00 - Ullrich Hahn

    Verantwortlich leben im Angesicht struktureller Gewalt.

    (Einführungsreferat von Ullrich Hahn zur Jahrestagung des Versöhnungsbundes am 24.05.2001 in Bonn)


    Zur Einleitung drei Vorbemerkungen:

    a) Ich will nichts neues sagen. Ich kann nur in Sprache kleiden, was schon bekannt ist, und in Erinnerung rufen, was wir schon wissen. Meine wichtigste Vorarbeit war, die eigenen Gedanken zu ordnen.

  • Ein Brief von Phyllis und Orlando Rodriguez's an die New York Times

    Ihr Sohn Greg gehört zu den Opfern vom 11.9.2001

    Unser Sohn Greg gehört zu den vielen Vermissten des Angriffes auf das Welthandelszentrum. Seit wir die erste Nachricht hörten, erleben wir Schmerz, Trost, Hoffnung, Verzweiflung und liebevolle Erinnerung. Wir erfahren dies gemeinsam mit seiner Frau, unseren beiden Familien, unseren Freunden und Nachbarn, seinen lieben Kollegen der Firma und all den trauernden Familien, die sich täg-lich im Pierre Hotel treffen.

    Wir sehen unser eigenes Verletztsein und unseren Zorn auch widergespiegelt in allen, denen wir begegnen. Wir haben kein Ohr für die tägliche Nachrichtenflut über diese Katastrophe. Doch wir lesen genug Nachrichten, um zu spüren, dass unsere Regierung sich in Richtung gewaltsamer Rache

    bewegt mit der Aussicht, dass Söhne, Töchter, Eltern, Freunde in weit entfernten Ländern leiden und sterben, und so wiederum Gefühle von Rache und Groll gegen uns geweckt werden.

    Das ist nicht der Weg, den wir gehen sollen. Das wird den Tod unseres Sohnes nicht rächen. Es geschieht nicht im Namen unseres Sohnes. Unser Sohn starb als Opfer einen unmenschlichen Ideologie. Unsere Reaktionen sollten nicht demselben Ziel dienen. Last uns trauern. Lasst uns nachden-ken und beten. Lasst uns über eine vernünftige Reaktion nachdenken, die unserer Welt wirklichen Frieden und Gerechtigkeit bringt. Aber lasst unser Volk nicht die Unmenschlichkeit dieser Zeit noch vermehren.

    Diplomatie, Vertrauen, Freundschaft - unsere einzige Hoffnung, zukünftige Angriffe zu stoppen

     

    Dear President Bush:

    >

    > Our son is one of the victims of Tuesday's attack on

    > the World Trade Center. We read about your response in

    > the last few days and about the resolutions from both

    > Houses, giving you undefined power to respond to the

    > terror attacks.

    > Your response to this attach does not make us feel

    > better about our son's death. It makes us feel worse.

    > It makes us feel that our government is using our son's

    > memory as a justification to cause suffering for other

    > sons and parents in other lands.

    > It is not the first time that a person in your position

    > has been given unlimited power and came to regret it.

    > This is not the time for empty gestures to make us feel

    > better. It is not the time to act like bullies. We urge

    > you to think about how our governement can develop

    > peaceful, rational solutions to terrorism, solutions

    > that do not sink us to the inhuman level of terrorists.

    >

    > Sincerely,

    > Phyllis and Orlando Rodriguez

    >

     

    Mennonite Brethren Biblical Seminary (MBBS)

    Henry J. Schmidt

    MBBS Seminary Präsident für die Fakultät des Seminars in Fresno

    in Zusammenarbeit mit dem MB-Konferenz Mitarbeiter Loyal Funk
     

    Sept. 14, 01
     

    An die Pastorenschaft der Mennonitischen Brüdergemeinden in USA und Kanada

    Betr.: Die terroristischen Angriffe dieser Woche

    An diesem nationalen Tag der Trauer und des Gebets, beten wir für euch, unsere Kollegen im Ge-meindedienst. Wir beten besonders, dass ihr am Sonntag in euren Gottesdiensten Gottes tröstende Gegenwart deutlich machen könnt. Wir beten für euren Dienst als Hirten und Seelsorger.

    "Der Herr ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist die Kraft meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen? Dringen Frevler auf mich ein, um mich zu verschlingen, ... sie müssen straucheln und fallen. Ps 27,1-2.

    1. Wir unterstützen euch und eure Gemeinden, indem wir das ganze Volk Gottes zur Fürbitte aufru-fen - für die Familien, Freunde, Kollegen der Opfer - für unsere führenden Politiker, aber auch - für alle, die mit den terroristischen Angriffen zu tun haben.

    Durch sein Sterben für uns alle hat Christus seine Liebe für alle gleich erwiesen.

    "Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf ... für die Herrscher und für alle die Macht ausüben ... Das ist Recht und gefällt Gott, unserem Retter. Er will, dass alle Menschen gerettet werden." 1 Tim 2,1-3

    2. Wir beten mit euch und euren Gemeinden für Frieden und für Gerechtigkeit. Scharfe Stimmen rufen in harten Worten nach einem "zornigen Amerika". Doch Gewalt zeugt erneute Gewalt. Die Eskalation der Gewalt führt zu neuer Ungerechtigkeit. Rassismus blendet die Augen selbst der Gerechten. Betet für Einhalten und Mäßigung. Betet, dass die Stimme der Kirche für den Frieden nicht zum Schweigen gebracht wird in diesen Tagen starker Gefühle und dem Verlangen nach Rache. Wenn auch wir wie David (vgl. Ps 109) Gefühle des Zorns haben, so wollen wir diese doch in der Erkenntnis zum Ausdruck bringen, die Römer 12, 19 formuliert: "Mein ist die Rache, ich will vergel-ten, spricht der Herr."

    "... für die Menschen, die Frieden stiften, wird die Saat der Gerechtigkeit aufgehen." Jak 3, 18

    "Der Herr gebe Kraft seinem Volk. Der Herr segne sein Volk mit Frieden." Ps 29,11

    3. Wir beten mit euch, dass unser Volk umkehrt. Von politischer Seite wird mit dem Finger auf Menschen da draußen gezeigt. Wenige scheinen den Blick nach innen zu wenden oder auf den breiteren Strom von Gottes Plan und Führung.

    Joseph erkannte Gottes Hand in den gegen ihn gerichteten Taten seiner Brüder. Gen. 45, 7,8. Da-niel entdeckte Gottes Handeln im Angriff und der Belagerung Jerusalems durch Babylon. Dan 1, 1,2. Bei unserem Bemühen, die Ereignisse der vergangenen Woche zu verstehen, erinnert uns die Schrift daran, dass auch Katastrophen ein Weg sein können, uns des eigenen Handelns bewusst zu werden - Hiroschima, 500.000 Tote verstreut im irakischen Wüstensand, unser unstillbarer Durst auf Öl, organisierte Unterdrückung in den Ländern der 3. Welt. Wir haben keine sauberen Hände. Betet, dass wir erkennen, wie wir daran beteiligt sind, politische und soziale Strukturen zu schaffen, die Men-schen zu solch zerstörerischen Gewalttaten treiben.

    "Auch jetzt noch - Spruch des Herrn: Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen. Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um zum Herrn eurem Gott! Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte, und es reut ihn, dass er das Unheil verhängt hat." Joel 2, 12,13.

    4. Wir beten, dass wir im Geist von Craig Hallmans Brief vorwärtsgehen. Craig ist ein Absolvent unseres Seminars, der nun mit MB Mission and Service International in Karatschi, Pakistan arbeitet. Sein Brief wurde in der Zeitschrift "FRESNO BEE" heute morgen unter der Überschrift "Der endlose Kreislauf" veröffentlicht:

    "Als früherer Einwohner Fresnos und Leser des "Bee", der heute in Pakistan lebt, möchte ich den sicher vielen Zuschriften zu den Terrorattacken meine hinzufügen. Ich möchte die Vereinigten Staaten oder die Nato dringend vor einem Gegenangriff auf Afghanistan oder Osama bin Laden warnen. Das wird nur einen endlosen Kreislauf der Vergeltung fortführen. Israel ist das beste Beispiel für diese tödliche Falle. Je mehr Leute von den USA getötet werden, umso mehr Radikale werden produziert und zukünftige Angriffe garantiert. Das ist eine Realität, die wir in unserer nationalen Debatte über die Antwort auf den Terrorismus bedenken müssen. - Als ich die ersten Zeilen dieses Briefs schrieb, erhielt ich einen Anruf von einer muslimischen Nachbarin, die meiner Familie und Amerika ihr Mitgefühl und Beileid aussprach. Das schreckliche Blutbad von New York hat viele Muslime veranlasst, Sympathie für Amerika zu empfinden und Zweifel am Radikalismus genährt. Dieses Wohlwollen wird sofort verschwinden, wenn die erste Bombe fällt. Die Flugzeugentführer haben, ohne es zu wollen, ein Klima des Wohlwollens und der Partnerschaft mit gemäßigten islamischen Staates zur Bekämpfung des Radikalismus geschaffen.

    Diplomatie, Vertrauen, Freundschaft - nicht Militanz - sind unsere einzige Hoffnung zukünftige Angriffe zu stoppen."

    Der Herr gebe Kraft seinem Volk! Der Herr segne sein Volk mit Frieden! Ps 29,11

    Gnade und Frieden,

    Henry J. Schmidt

  • Terrorismus und USA

    Robert Bowman flog 101 Kampfangriffe in Vietnam. Heute ist er Bischof der Vereinigten Katholischen Kirche in Melbourne Beach, Florida/USA. Seine Stellungnahme zum Phänomen terroristischer Angriffe auf die USA erschien bereits im Frühjahr 1999 in DER PFLUG (eine Publikation der Bruderhöfe, hrsg. von: The Plough Publishing House of The Bruderhof Foundation, Spring Valley Bruderhof, Farmington PA 15437, USA, Frühjahr 1999)

    "Wenn wir uns weiterhin über die wahren Hintergründe des Terrorismus täuschen lassen, wird er uns so lange weiter bedrohen, bis wir vernichtet werden. Die Wahrheit ist, daß keine unserer tausend Atomwaffen uns vor dieser Bedrohung schützen kann. Kein Star-War-System - ganz egal wie technisch hochentwickelt, ganz egal wie viele Milliarden Dollar hineingesteckt worden sind - kann uns vor einer Atomwaffe schützen, die in einem Segelboot oder in einer Cessna, in einem Koffer oder in einem Mietwagen ankommt. Nicht eine einzige Waffe in unserem riesigen Arsenal, nicht ein Cent der 270 Milliarden Dollar, die wir jährlich für sogenannte Verteidigung ausgeben, kann uns gegen eine Terroristenbombe schützen. Das ist eine militärische Tatsache.

    Als Oberstleutnant im Ruhestand und jemand, der häufig Vorträge zum Thema nationale Sicherheit gibt, habe ich oft den Psalm 33 zitiert: "Wenn ein König in der Schlacht den Sieg erringt, dann verdankt er das nicht seiner großen Armee; und wenn ein Krieger heil davonkommt, dann liegt es nicht an seinen starken Muskeln." Die Frage ergibt sich: "Was können wir dann tun? Gibt es denn nichts, wodurch wir unseren Bürgern Sicherheit bieten können?"

    Doch! Aber um das zu begreifen, müssen wir die Wahrheit über die Bedrohung kennen. Als Präsident Clinton dem amerikanischen Volk erklärte, warum wir Afghanistan und den Sudan bombardierten, sagte er nicht die Wahrheit. Er sagte, wir wären das Ziel des Terrorismus, weil wir für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte stehen. Unsinn!

    Wir sind das Ziel der Terroristen, weil unsere Regierung fast weltweit für Diktatur, Sklaverei und Ausbeutung steht. Wir sind das Ziel der Terroristen, weil wir gehaßt werden. Und wir werden gehaßt, weil unsere Regierung hassenswerte Taten begangen hat. In wievielen Ländern haben die Vertreter unserer Regierung Führer, die von der Bevölkerung gewählt waren, abgesetzt und durch Militärdiktatoren ausgetauscht, die nichts anderes als Marionetten und bereit waren, ihre eigenen Bürger an amerikanische Großkonzerne zu verkaufen?

    Wir taten dies im Iran, als die US Marine und das CIA Mossadegh absetzten, weil er die Ölindustrie nationalisieren wollte. Wir ersetzten ihn durch den Schah, und wir bewaffneten, trainierten und bezahlten dessen gehaßte Geheimpolizei, die die Menschen im Iran versklavte und terrorisierte nur um die finanziellen Interessen unserer Ölkonzerne zu schützen. Ist es da ein Wunder, daß es Leute im Iran gibt, die uns hassen?

    Wir taten dies in Chile. Wir taten dies in Vietnam. Und es ist noch nicht so lange her, da versuchten wir, es auch im Irak zu tun. Und natürlich, wie oft haben wir es in Nicaragua getan und in all den anderen latein-amerikanischen Bananenrepubliken? Wieder und wieder haben wir angesehene Führer verdrängt, die den Reichtum des Landes unter den Leuten, die dafür gearbeitet haben, verteilen wollten. Wir ersetzten sie durch mörderische Tyrannen, die ihre eigenen Leute verkauften, sodaß der Reichtum des Landes durch Konzerne wie Domino Sugar, Folgers und Chiquita Banana ausgebeutet werden konnte.

    In einem Land nach dem anderen hat unsere Regierung Demokratie vereitelt, Freiheit unterdrückt und ist auf den Menschenrechten herumgetrampelt. Deswegen wird sie rund um die Welt gehaßt. Und deswegen sind wir das Ziel der Terroristen.

    In Kanada genießen die Menschen Demokratie, Freiheit und Menschenrechte; ebenso die Menschen

    in Norwegen und Schweden. Hast du schon mal von einer kanadischen Botschaft gehört, die bombardiert wurde? Oder von einer norwegischen oder schwedischen?

    Wir werden nicht gehaßt, weil wir Demokratie ausüben, Freiheit schätzen oder die Menschenrechte unterstützen. Wir werden gehaßt, weil die amerikanische Regierung diese Dinge den Menschen in den Dritte-Welt-Ländern versagt, deren Rohstoffe von unseren Großkonzernen begehrt werden: Der Haß, den wir säten, ist zurückgekommen, um uns in der Form des Terrorismus zu bedrohen - und in der Zukunft: Atomterrorismus!

    Sobald die Wahrheit erkannt ist, warum diese Bedrohung besteht, wird die Lösung klar: Wir müssen unsere Richtung ändern. Unsere Atomwaffen loszuwerden - gegebenenfalls einseitig - wird unsere Sicherheit erhöhen, und eine drastische Änderung unserer Außenpolitik wird sie garantieren.

    Anstatt unsere Söhne und Töchter um die Welt zu schicken, um Araber zu töten, damit wir das Öl , das unter deren Sand liegt, haben können, sollten wir sie senden, um deren Infrastruktur wieder in Stand zu setzen, reines Wasser zu liefern und hungernde Kinder zu füttern. Anstatt damit weiterzumachen, tagtäglich Hunderte von irakischen Kindern durch unsere Sanktionen umzubringen, sollten wir den Irakern helfen, ihre Elektrizitätswerke, ihre Wasseraufbereitungsanlagen und ihre Krankenhäuser wieder aufzubauen - all die Sachen, die wir zerstörten und deren Wiederaufbau wir verhinderten.

    Anstatt Terroristen und Todesschwadronen auszubilden, sollten wir die School of Americas schließen. Anstatt Aufstand, Zerrüttung, Mord und Terror weltweit zu unterstützen, sollten wir den CIA abschaffen und das Geld Hilfsorganisationen geben.

    Kurzum, wir sollten Gutes tun anstelle von Bösem.

    Wer würde versuchen, uns aufzuhalten?

    Wer würde uns hassen?

    Wer würde uns bombardieren wollen?

    Das ist die Wahrheit, die die amerikanischen Bürger - und die Welt - hören müssen.

  • Nicht in unserem Namen - gegen den Krieg in Afghanistan

    Mo, 08/10/2001 - 00:00 - Clemens Ronnefeldt

    Krieg schafft weder Frieden noch Sicherheit

    Wir verurteilen den Krieg des US-geführten Bündnisses gegen Afghanistan.
    Insbesondere lehnen wir die Zusagen der deutschen Bundesregierung, diesen Krieg militärisch zu unterstützen, ab und erklären, dass diese Zusagen nicht in unserem Namen geschehen.

    Eine Erklärung von Versöhnungsbund und Kurve Wustrow

  • Ist ein US-Feldzug gegen den Irak noch vermeidbar?

    Do, 14/03/2002 - 00:00 - Clemens Ronnefeldt

    Recherchen in Zeiten des Krieges werden immer schwieriger, besonders in der Vorphase eines angekündigten Angriffes wie im Falle Irak: Welchen Quellen ist zu trauen? Wer übertreibt, untertreibt, testet aus oder manipuliert mit welchen Absichten?

    Eine Analyse von Clemens Ronnefeldt, Versöhnungsbund-Referent, 14. März 2002

  • Unterstützt durch die Mitgliederversammlung des Internationalen Versöhnungsbundes, Deutscher Zweig, am 12.5.2002

    gerichtet an alle Synodalinnen und Synodalen der östlichen und westlichen Gliedkirchen der EKD

    Wir informieren

    Der Militärseelsorgevertrag (MSV) von 1957 war von Anfang an umstritten. Kritisiert wird die Einbindung der Soldatenseelsorge in militärisch-staatliche Strukturen und die damit verbundene Einschränkung der Freiheit des Evangeliums. Nicht erst seit dem Kosovo-Jugoslawienkrieg schweigt die Militärseelsorge zu der Ausweitung des Auftrags der Bundeswehr hin zu einer Interventionsarmee und zu konkreten Einsätzen. Sie unterlässt es, in berufsethischen Konflikten die Gewissen der Soldaten zu schärfen.

    Aus Sorge um die Unabhängigkeit dieses kirchlichen Dienstes haben sich die östlichen Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nach der Wende geweigert, den MSV zu übernehmen. Die dadurch ausgelöste Diskussion führte dazu, dass sich die Mehrheit der Synoden in Ost und West für eine Reform der Militärseelsorge aussprach, d. h. für eine Soldatenseelsorge in kirchlicher Verantwortung. Ende 2003 läuft eine Zwischenlösung für die östlichen Gliedkirchen aus. Deswegen muss bis dahin eine Gesamtlösung für alle Landeskirchen gefunden werden.

    Dafür hat der vom Rat der EKD eingesetzte Ausschuss auf der Grundlage des EKD-Synodalbeschlusses von 1994 vorgeschlagen, neben den staatlichen Beamtenverhältnissen der Militärpfarrer eine Wahlmöglichkeit für kirchliche Dienstverhältnisse einzurichten. Wörtlich wird in dem Abschlussbericht des Ausschusses vom März 2001 die Empfehlung ausgesprochen, in den sondierenden Gesprächen mit dem Staat eine Veränderung des Vertrages vor allem mit dem Ziel der Wahlmöglichkeit für den kirchlichen Status der Pfarrerschaft zu erreichen (EKD-Informationen Militärseelsorge IV, S. 71).

    Wir klagen an

    Der Bericht des EKD-Ausschusses war schon Ende März 2001 fertiggestellt. Er wurde den Mitgliedern der EKD-Synode erst kurz vor ihrer Tagung November 2001 in Amberg zugesandt. Damit wurden ein Studium dieser Unterlagen und ihre Diskussion im Vorfeld fast unmöglich gemacht.

    Auf der Tagesordnung der Synode war ein Bericht über die künftige Gestaltung der evangelischen Seelsorge in der Bundeswehr angekündigt. Es blieb nicht bei diesem Bericht, sondern ohne Veränderung der Tagesordnung wurde der Synode ein Beschluss zur Abstimmung vorgelegt. Die Synode wurde also überrumpelt.

    Diese Beschlussvorlage verschweigt das eigentliche Reformanliegen des Ausschussberichts: Wahlmöglichkeit für den kirchlichen Status der Pfarrerschaft in der Soldatenseelsorge. Stattdessen werden Varianten rein staatlicher Dienstverhältnisse (Beamte oder Angestellte) zur Wahl gestellt. Damit wurden die Synode und die Öffentlichkeit getäuscht. Vom Militärpfarrer im kirchlichen Dienst ist keine Rede mehr. Die dem Bekenntnis widersprechende doppelte Loyalität des Militärpfarrers bleibt bestehen.

    In einem weiteren Beschluss stimmte die Synode dem Vorschlag zu, dass durch eine Veränderung der Grundordnung der EKD die evangelische Seelsorge in der Bundeswehr zur Gemeinschaftsaufgabe der Evangelischen Kirche in Deutschland erklärt werden soll. Mit dem Vollzug dieser Grundordnungsänderung würde der MSV automatisch in den östlichen Gliedkirchen eingeführt. Alle Landeskirchen würden damit auf Dauer ihre Kompetenz und Zuständigkeit für die Militärseelsorge an die EKD abgeben. Ein wichtiges kirchliches Thema würde damit den Landessynoden entzogen. Eine Zustimmung oder Ablehnung des MSV stünde nicht mehr ausdrücklich auf der Tagesordnung der östlichen Gliedkirchen.

    Eindeutige Beschlüsse von Landessynoden östlichen Gliedkirchen, dass es nach Ablauf der Zwischenlösung (Rahmenvereinbarung) nicht zu einer Fortschreibung des MSV kommt, werden missachtet. Mehr als zehnjährige Reformbemühungen werden vom Tisch gewischt.

    Wir wenden uns an die Synodalen der östlichen Gliedkirchen

    Die Synodalinnen und Synodalen der östlichen Gliedkirchen haben in dem anstehenden Verfahren eine Schlüsselstellung inne: Nur wenn alle östlichen Landessynoden der Veränderung der Grundordnung zustimmen, kann es zu dieser Entmündigung kommen. Darum bitten wir die Mitglieder der östlichen Landessynoden: Verweigern Sie dieser Änderung der Grundordnung Ihre Zustimmung.

    Wir wenden uns an die Synodalen der westlichen Gliedkirchen

    Auch den Synodalinnen und den Synodalen der westlichen Gliedkirchen kommt eine große Verantwortung zu: Sie müssen genauso wie die östlichen Gliedkirchen dieser Änderung der Grundordnung zustimmen. Es ist ein Skandal, dass dies von der Leitungsebene der EKD beim Thema Militärseelsorge bestritten wird. Wörtlich heißt es in dem Rechtsgutachten von OKR B. Guntau: Da die westlichen Gliedkirchen bereits 1957 dem Militärseelsorgevertrag zugestimmt haben, ist die Regelungskompetenz für dieses Sachgebiet Seelsorge in der Bundeswehr für diese Gliedkirchen bereits auf die EKD übergegangen. Diese Behauptung steht im Widerspruch zum Kirchengesetz zur Regelung der evangelischen Militärseelsorge in der Bundesrepublik Deutschland vom 8. März 1957, wo es in § 1 ausdrücklich heißt: Die Militärseelsorge bildet einen Teil der den Gliedkirchen obliegenden allgemeinen Seelsorge. Der juristische Hintergrund, warum die westlichen Gliedkirchen ihre Regelungskompetenz noch nicht abgegeben haben, findet sich in der Tischvorlage des dbv für die EKD-Synode in Amberg (Zeitschrift Verantwortung 27/28, Seite 40 ff. oder Homepage des dbv http://dietrich-bonhoeffer-verein.dike.de ).

    Wir bitten die Synodalen der westlichen Gliedkirchen, diese geplante Rechtsbeugung nicht hinzunehmen und ihre Zustimmungskompetenz wahrzunehmen.

    Nachbemerkung:

    Dem Lebenskundlichen Unterricht (LKU) einem der Hauptarbeitsfelder des Militärpfarrers fehlt jede vertragliche und kirchliche Grundlage. Er wird von maßgeblichen Fachleuten (u.a. Bischof W. Huber, Berlin; Ines-J. Werkner, Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr, Straußberg bei Berlin) für verfassungswidrig bzw. bekenntniswidrig gehalten. Obwohl die EKD-Synode bereits beschlossen hat, dass zum LKU eine Regelung getroffen werden muss, übergeht die Leitungsebene der EKD dieses Thema mit Schweigen. Das Thema LKU muss also dringend in den Reformprozess einbezogen werden.>

    Dietrich-Bonhoeffer-Verein, 2002

  • "Mächtig was los" - Bericht über die Jahrestagung 2002

    Mi, 15/05/2002 - 00:00 - Hanno Paul

    Wer im letzten Jahr schon dachte, dass die - inzwischen traditionell - in der Tagungsstätte Haus Venusberg in Bonn stattfindende Jahrestagung des Versöhnungsbundes mit 200 teilnehmenden Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, die Grösste der letzten 20 Jahre war, musste seine Meinung zur diesjährigen Jahrestagung - erfreulicherweise - gleich wieder über den Haufen werfen.

  • Das Völkerrecht und die Überwindung der terroristischen Bedrohung

    Fr, 14/06/2002 - 00:00 - Ullrich Hahn

    Manuskript eines Vortrages von Ullrich Hahn bei der Evang. Akademie Bad Herrenalb am 14. Juni 2002 zum Tagungsthema "Herausforderung Terror Auf der Suche nach Antworten, die Frieden stiften".

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