Helga Merkelbach: Bike for Peace / UNO-Generalsekretaer fordert weltweiten Waffenstillstand / 2 Buchvorstellungen: Maja Goepel und Wolfgang Kessler / Mitmachaktionen

Mi, 25/03/2020 - 20:07 - Clemens Ronnefeldt

Liebe Friedensinteressierte,

mein heutiger Newsletter fällt umfangreicher aus als sonst. Viele Menschen haben gerade mehr Zeit zum Lesen meiner Zuschrift.

Im Rahmen von Transparenz TV und der Sendereihe „Friedensfragen mit Clemens Ronnefeldt“ sende ich nachfolgend eine Inhaltsangabe und den Link zu folgender Sendung:

Heute, 25.3.2020 - 20.15 Uhr:

Thema: Bike for Peace and new energies.

Gast: Helga Merkelbach, Öffentlichkeitsreferentin bei "Bike for Peace"

Schon seit vielen Jahren gibt es eine Fahrrad-Friedenstour von Paris nach Moskau und dann weiter mit der Transsibirischen Eisenbahn bis zum Meer und nach Hiroshima und Nagasaki.

Beginn sollte in diesem Jahr am 8.5.2020, dem 75. Jahrestag der Beendigung des 2. Weltkrieges, in Paris sein, das Ende der Tour am 9.8.2020, dem Abwurf der Atombombe auf Nagasaki 1945, in Japan.

Jahrelanger Hauptakteur dieser aufwendig zu organisierenden Fahrt ist Konni Schmidt aus der Pfalz, der schon sehr oft mitgefahren ist.

Anhang früherer Fahrten wird Helga Merkelbach mit Unterstützung von Bildern zeigen, welche Begegnungen die ca. 40 bis 80 Radlerinnen und Radler in Deutschland, Polen, Weißrussland und Russland hatten, wie und wo sie empfangen wurden - und wie sie im Rad-Convoi auf dem Roten Platz in Moskau ankamen.

Unterwegs wurde bisher an Kriegerdenkmälern der Opfer des nationalsozialistischen Terrors gedacht.

Helga Merkelbach wird im zweiten Teil der Sendung auch auf ihre sehr persönliche Motivation für die Teilnahme an der Fahrt eingehen. Ihr Vater war Kriegsteilnehmer in Russland - und sie wird sich teiweise auf seinen Spuren bewegen.

Im Dialog wird sie auf die Wichtigkeit eingehen, als Nachkriegsgeneration sich mit dem Erlebten der Kriegsgeneration auseinander zu setzen.

Wegen der Corona-Pandemie wurde die aktuelle Tour 2020 - wie erst nach Aufzeichnung der Sendung bekannt - abgesagt.

Heute, Mittwoch, 25.3.2020 um 20.15 Uhr mit Livechat und danach dauerhaft unter:

https://www.youtube.com/watch?v=MgBbryItgxc

oder

https://www.facebook.com/friedensfragen/?modal=admin_todo_tour

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Der nachfolgenden Forderung ist ihre zügige Umsetzung zu wünschen:

https://www.ippnw.de/startseite/artikel/de/aerzteorganisation-unterstuetzt-forder.html

IPPNW-Pressemitteilung vom 25.03.2020 Ärzteorganisation unterstützt Forderung nach einem sofortigen weltweiten Waffenstillstand

Der UNO-Generalsekretär hat Recht

25.03.2020. Die ärztliche Friedensorganisation IPPNW unterstützt die Forderung von UN-Generalsekretär António Guterres nach einem "sofortigen weltweiten Waffenstillstand" angesichts der SARS-CoV-2-Pandemie. Zivilist*innen in Konfliktgebieten müssten vor den verheerenden Auswirkungen der Pandemie geschützt werden, hatte Guterres bei einer Rede im UNO-Hauptquartier am Montag in New York gesagt.

„Das Virus führt uns sowohl die gegenseitigen globalen Abhängigkeiten und als auch die Unverantwortlichkeit militärischer Auseinandersetzungen drastisch vor Augen. Die lang anhaltenden Kriege und Konflikte zum Beispiel in Jemen, Libyen, Syrien oder Afghanistan haben dortige Gesundheitssysteme massiv geschwächt und Millionen Menschen besonders verwundbar gemacht für die jetzige Pandemie“, erklärt Susanne Grabenhorst, Vorsitzende der IPPNW.

Auch die Wirtschaftssanktionen durch Europa/USA trugen dazu bei. Erneut fordert die IPPNW daher die Aufhebung der Sanktionen. Eine Forderung, die die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Michelle Bachelet, gestern ebenfalls erhoben hat, um den Zusammenbruch von Gesundheitssystemen zu verhindern.

Neben den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens zeigen sich nun auch steigende Infektionszahlen in verschiedenen afrikanischen Ländern. Die IPPNW fordert großzügige finanzielle Hilfen und internationale Solidarität, um Staaten mit schwachen Gesundheitssystemen zu unterstützen. Weltweit werden laut Schätzungen der WHO bis 2030 in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen ca. 18 Millionen Gesundheitsmitarbeiter*innen fehlen. Bisher zugesagte Hilfen dürfen nicht aufgrund der Krise zurückgenommen werden.

Die Ärzteorganisation begrüßt die solidarische Behandlung infizierter Patient*innen aus anderen europäischen Ländern in deutschen Krankenhäusern. Viele Staaten schicken derzeit medizinische Materialien und Expertise über Konfliktlinien hinweg. Diese Form internationaler Solidarität und Verantwortung muss die Pandemie überdauern.

Darüber hinaus fordern wir, dass militärische Ressourcen im Sinne einer „Rüstungskonversion“ für zivile Zwecke, für den Dienst an Gesundheit und friedvollem Leben umgelenkt werden. Die Pandemie darf nicht genutzt werden, um im Windschatten der Krise die Militarisierung voran zu treiben. Scharf kritisiert die Ärzteorganisation, dass NATO-Generalsekretär Stoltenberg trotz Corona-Pandemie am 2%-Ziel festhalten will. „Dieses Geld wird jetzt dringend für den Gesundheitssektor benötigt, der durch die Ökonomisierung und Profitorientierung in den letzten Jahren auch in Deutschland stark gelitten hat“, so Susanne Grabenhorst.

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Hier eine Mitmachaktion von „Aufschrei! Stoppt den Waffenhandel“:

https://www.aufschrei-waffenhandel.de/mitmachen/aktuelle-aktionen/#c11772 Online-Aktion: "War in Yemen - Made in Europe"

Im Rahmen des Europäischen Netzwerks gegen den Waffenhandel (ENAAT), in dem auch die „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ aktiv ist, war für den 25. März 2020 ein europäischer Aktionstag unter dem Motto "War in Yemen - Made in Europe" geplant.

Partnerorganisationen aus vielen europäischen Staaten wollten mit Veranstaltungen, Plakataktionen und Performances die Rüstungsexporte ihres Landes an die Jemen-Kriegsparteien kritisieren. Auch in Berlin war eine Aktion geplant.

Vor dem Hintergrund der notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus werden diese Aktionen nun nicht wie geplant stattfinden.

Dennoch werden anlässlich des fünften Jahrestages des Jemen-Krieges Menschen und Organisationen in vielen europäischen Ländern ein EU-Waffenembargo gegenüber allen Mitgliedern der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition fordern.

Helfen Sie uns, Rüstungsexporte aus Europa an die Jemen-Kriegsparteien am 25. März 2020 zum Thema in den Sozialen Medien zu machen: Machen Sie ein Foto von sich mit dem Motiv des Aktionstages, das Sie hier zum Ausdrucken herunterladen können Posten Sie Ihr Bild und einige Worte zu Ihrer Motivation am 25. März 2020 gegen 12:00 Uhr in den Sozialen Medien (facebook, twitter, instagram, etc.) Nutzen Sie dafür die gemeinsamen Hashtags #StopArmingSaudi, #WarInYemen und #MadeInEurope und die Event-Seite auf Facebook Weitere Informationen finden Sie unter: http://enaat.org/war-in-yemen-made-in-europe

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Den nachfolgenden Appell möchte ich zur Unterzeichnung empfehlen:

https://ilmr.de/2020/dringender-appell-zur-evakuierung-der-fluechtlingslager-in-griechenland Dringender Appell zur Evakuierung der Flüchtlingslager in Griechenland

Dienstag, 24. März 2020

An die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen An den Präsidenten des Europäsichen Parlaments, David Sassoli An den Präsidenten des Europäischen Rates, Charles Michel An den Premierminister der Republik Griechenland

Wir fordern Sie unverzüglich zur Evakuierung der Flüchtlingslager und Hotspots auf den griechischen Inseln auf,

um eine Katastrophe inmitten der Covid 19-Pandemie zu verhindern. (…)

Hier kann jede Person den Appell mitunterzeichnen:

http://www.urgentletter.at/

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Hier noch ein Hoffnungszeichen aus dem überfüllten Lager Moria auf Lesbos:

https://www.dw.com/de/angst-vor-coronavirus-infektion-im-fl%C3%BCchtlingslager-moria/av-52830889?maca=de-VBEU_Focus_All-28151-xml-mediahd

Wie der Film ab Minute 2.15 zeigt, nähen Menschen im Lager Moria pro Tag rund 300 Atemschutzmasken selbst im Rahmen der Arbeit einer kleinen NGO - um sich selbst und auch andere auf der Insel zu schützen.

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Vor dem Hintergrund der politischen und ökonomischen Verwerfungen der nächsten Zeit möchte ich zwei Bücher zur Lektüre empfehlen, die Wege aus der ökonomischen Krise eines auf Wachstum beruhenden Kapitalismus zeigen:

https://www.deutschlandfunk.de/maja-goepel-unsere-welt-neu-denken.1310.de.html?dram:article_id=471897

1. Maja Göpel: „Unsere Welt neu denken. Eine Einladung“, Ullstein Verlag, 208 Seiten, 17,99 Euro. Maja Göpel: „Unsere Welt neu denken“

Wie können die Menschen auf der voller gewordenen Erde gut leben, ohne ihre Lebensgrundlage zu verzehren? Die Polit-Ökonomin Maja Göpel stellt unser auf ewiges Wachstum ausgerichtetes Wirtschaftssystem in Frage und sucht nach einem zukunftsfähigen Entwicklungsmodell. (…)

Maja Göpel: „Dass die Leute eigentlich mit dem, was sie schon haben, relativ gut klarkommen, das kommt in der Denke nicht vor. Und das ist ja das Wichtige, dass wir sagen: Welche Art, auf die Welt zu schauen, welche Art, auf die Menschen zu schauen, hilft uns denn dabei, diese neue Realität erfolgreich zu navigieren? Was ist denn das gute Leben?

Wie können wir unsere ökonomischen Systeme umstellen, damit die Versorgung der Menschen in Einklang mit den natürlichen Lebensgrundlagen und ihrer Regeneration funktionieren kann, anstatt dass wir irgendwann sehr schockartig dann sowieso weniger haben werden?“

In ihrem Buch plädiert Maja Göpel für mehr Verteilungsgerechtigkeit und für eine Rückkehr zum menschlichen Maß. Das Narrativ vom ewigen Wachstum, von dem letztlich alle profitieren sollten, sei nicht aufgegangen, weder ökologisch noch sozial. Wirklich profitiert, im wahrsten Sinne des Wortes, haben nur wenige. (…)

Man könne die ökologische Frage nicht lösen, wenn man sie nicht auch als soziale Frage verstehe, schreibt Maja Göpel. Um der Mehrheit eine nachhaltigere Lebensweise zu ermöglichen, müssten hohe Einkommen massiver besteuert werden. Ebenso Unternehmen, die Infrastruktur und Ressourcen der Allgemeinheit nutzen, Gewinne privatisieren und die Umwelt belasten. Ja, es geht auch um Umverteilung, darum, dass sich die Menschheit wieder als solidarische Gemeinschaft versteht. (…)

Ihr Befund ist präzise, ihr Buch kommt zur richtigen Zeit – einer Zeit, in der die Folgen des Klimawandels ebenso unübersehbar sind wie die Halbherzigkeiten der Politik. Es ist ein eindringlich vorgetragenes Plädoyer für ein zukunftsorientiertes Denken, „eine Einladung“, von der man sich wünscht, dass sie von vielen angenommen wird.

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Meine zweite Empfehlung ist - hier anhand der Buchbesprechung von Werner Raetz:

https://www.werner-raetz.de/fileadmin/user_upload/Autor/besprechungen/kessler.pdf

2. Wolfgang Kessler Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern. Eine Streitschrift, Publik-Forum Edition, Oberursel 2019, 128 Seiten, 15,00 Euro

(eBook 12,99) ISBN 9783880953307 (eBook 9783880953314)

(…) „Wer den Kapitalismus verändern will, operiert am offenen Herzen eines Systems, in das Millionen, ja sogar Milliarden Menschen als Unternehmer, Beschäftigte, Sparer, Eigentümer, Mieter, Erwerbslose oder Verbraucher eingebunden sind.“ (S. 11) Und weiter: „Wer – mit guten Gründen – allzu radikal in dieses Geflecht von Produktion und Konsum eingreift, schwächt möglicherweise die Volkswirtschaft, bevor sie neue Stärken entwickeln kann. Wer – aus ökologischen Gründen berechtigt – den Ausstieg aus der Autogesellschaft forciert, trägt die volle Last des Klumpenrisikos.

Denn in einer Wirtschaftskrise werden Millionen verunsicherte Beschäftigte oder gar Erwerbslose kaum zur Vorhut einer antikapitalistischen Revolution, sondern eher zur Reservearmee für rechte Rattenfänger...Notwendig ist eine Politik, der langsamen, aber konsequenten Übergänge, um Krisen und Brüche zu vermeiden...Diese Politik der Übergänge wird nur dann akzeptiert, wenn sie die individuelle Wahlfreiheit der Menschen respektiert und ein möglichst dichtes soziales Netz knüpft, das niemanden durchfallen lässt und allen die Chance eröffnet, das eigene Leben neu zu gestalten.“ (S. 65) (…)

Ihm geht es darum, die große Zahl Menschen bei den notwendigen radikalen Veränderungen mitzunehmen. Das wird nicht gehen, ohne dass man „zunächst kritische Fragen an sich selbst zulässt: Brauche ich alles, was ich kaufe? Müssen wir unser Leben am reinen Materialismus ausrichten? Wann wird Selbstverwirklichung zu Egoismus?“ (S. 110)

Auch dies ist wieder kein Versuch, die Verantwortung an Einzelne abzuschieben. Kessler weiß, dass es Ziele gibt, „die die vielen Einzelnen nicht beeinflussen können – wie eine gerechte Verteilung des Volkseinkommens, ein faires Rentensystem oder etwa eine Reform des Finanzsystems. Dafür braucht es eine andere Politik.“ (S. 112)

Seine Schlussfolgerung deckt sich mit dem, was wir auch in der Attac-AG „genug für alle“ im Zusammenhang eines bedingungslosen Grundeinkommens immer wieder betonen, dass ohne eine demokratische Debatte um die Ziele des Wirtschaftens keine Zukunft denkbar ist: „Deshalb braucht der Übergang, die Transformation hin zu einer humanen und ökologischen Wirtschaftsweise eine breite und offene Diskussion über die Werte, auf denen das Zusammenleben in Zukunft beruhen soll.“ (S. 122) (…)

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Die Gefahren und Chancen der derzeitige Krise hat Naomi Klein bei "Democracy now" eindrücklich beschrieben - dies ein Hinweis für alle, die einfaches englisch in klarer Aussprache verstehen:

https://www.youtube.com/watch?v=IFqNAEx1lm4 “Coronavirus Capitalism”: Naomi Klein’s Case for

Transformative Change Amid Coronavirus Pandemic

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Empfehlen möchte ich auch ein Stimme der jüngeren Generation - der zuzuhören lohnt und die das Gespräch zwischen den Generationen bereichern kann.

Wer sich von dem reißerischen Titel-Bild „Warum die Marktwirtschaft zerstört werden muss“ nicht abschrecken lässt, hört eine fundiert und differenziert argumentierende junge Frau, die Antworten verdient auf ihre Fragen und Anregungen:

https://www.youtube.com/watch?v=JSGuy3LA-d0&feature=youtu.be

UNBOXING CAPITALISM - Wie wir unter 1,5 Grad bleiben.

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Neben dem medialen Overkill-Thema „Corona“ ereignet sich nach wie vor Weltpolitik, die es im Auge zu behalten gilt.

Anlass zur Sorge bereiten derzeit wachsende Spannungen zwischen den beiden Hauptrivalen des 21. Jahrhunderts: USA und China:

https://www.sueddeutsche.de/politik/usa-und-china-ziemlich-beste-feinde-1.4850129

18. März 2020, 19:00 Uhr USA und China: Ziemlich beste Feinde

Das Misstrauen zwischen Peking und Washington ist groß. Nun weist die Regierung 13 amerikanische Journalisten aus.

Der Konflikt zwischen den USA und China hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Nachdem Washington Beschränkungen für chinesische Staats- und Parteimedien verhängt hat, reagierte China am Dienstag mit der Ausweisung von mehr als einem Dutzend amerikanischer Journalisten. Die Maßnahmen betreffen die New York Times, das Wall Street Journal und die Washington Post und mindestens 13 ihrer Journalisten. Es ist das erste Mal, dass so viele Korrespondenten auf einmal ausgewiesen werden. (…)

Schon vor dem Ausbruch des Coronavirus standen sich beide Länder im Handelsstreit zunehmend misstrauisch gegenüber. Die USA hatten in den vergangenen Monaten versucht, andere Länder davon abzuhalten, mit dem chinesischen Telekommunikationsanbieter Huawei beim Ausbau des 5G-Netzes zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig warnte Washington wiederholt vor den Gefahren chinesischer Investitionen und verhängte als Reaktion auf die massenhafte Internierung von muslimischen Minderheiten in Westchina Sanktionen gegen chinesische Unternehmen und Behörden. (…)

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Zum Schluss noch ein nachdenklich machender Text:

Am 3.1.2013(!) wurde die nachfolgende "Unterrichtung durch die Bundesregierung“ mit dem Titel: "Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ veröffentlicht.

Darin ist ab S. 57ff teilweise im Detail das Szenario beschrieben, das nun mit der Corona-Pandemie eingetreten ist.

Es stellt sich die Frage, warum trotz dieser realistischen Einschätzung einer Notlage, die eintreffen kann - und nun eintroffen ist - in den letzten Jahren enorme Bettenkapazitäten im deutschen Gesundheitswesen abgebaut wurden und Krankenhäuser mehr und mehr unter gewinnmaximierenden Gesichtspunkten geführt wurden - statt Vorsorge für die Bevölkerung zu treffen:

https://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/120/1712051.pdf?fbclid=IwAR3cGMFtZWXZdqkE5O_j--YFA4BoMWjo125CJc_40jUsKG9SWt315L8nTuY

Das hypothetische Modi-SARS-Virus ist mit dem natürlichen SARS-CoV in fast allen Eigenschaften identisch. Die Inkubationszeit, also die Zeit von der Übertragung des Virus auf einen Menschen bis zu den ersten Symptomen der Erkrankung, beträgt meist drei bis fünf Tage, kann sich aber in einem Zeitraum von zwei bis 14 Tagen bewegen. Fast alle Infizierten erkranken auch. Die Symptome sind Fieber und trockener Husten, die Mehrzahl der Patienten hat Atemnot, in Röntgenaufnahmen sichtbare Veränderungen in der Lunge, Schüttelfrost, Übelkeit und Muskelschmerzen. (S. 58).

Zur Behandlung stehen keine Medikamente zur Verfügung, so dass nur symptomatisch behandelt werden kann. Ein Impfstoff steht ebenfalls für die ersten drei Jahre nicht zur Verfügung. Neben Einhaltung von Hygienemaßnahmen können Schutzmaßnahmen in dem Sinne also ausschließlich durch Absonderung Erkrankter bzw. Ansteckungsverdächtiger, sowie den Einsatz von Schutzausrüstung wie Schutzmasken, Schutzbrillen und Handschuhen getroffen werden. Absonderung, Isolierung und Quarantäne sind aber nur von begrenzter Wirksamkeit, da schon bei Beginn der Symptomatik eine sehr ausgeprägte Infektiosität besteht (Fraser et al., 2004)

Die Infektionskrankheit breitet sich sporadisch und in Clustern aus. Eine Übertragung findet insbesondere über Haushaltskontakte und im Krankenhausumfeld, aber auch in öffentlichen Transportmitteln, am Arbeitsplatz und in der Freizeit statt. (S. 59).

Das Ereignis beginnt im Februar in Asien, wird dort allerdings erst einige Wochen später in seiner Dimension/Bedeutung erkannt. Im April tritt der erste identifizierte Modi-SARS-Fall in Deutschland auf. Dieser Zeitpunkt bildet den Ausgangspunkt des vorliegenden Szenarios. (S. 60).

Der Erreger stammt aus Südostasien, wo der bei Wildtieren vorkommende Erreger über Märkte auf den Menschen übertragen wurde. Da die Tiere selbst nicht erkranken, war nicht erkennbar, dass eine Infektionsgefahr bestand. Durch diese zoonotische Übertragung in Gang gesetzte Infektketten konnten nur retrospektiv nachvollzogen werden; dies gelang nicht in allen Fällen. (S. 60).

Zwei der ersten Fälle, die nach Deutschland eingeschleppt werden, betreffen Personen, die sich im selben südostasiatischen Land angesteckt haben. (S.60).

Mittel zur Eindämmung sind beispielsweise Schulschließungen und Absagen von Großveranstaltungen. Neben diesen Maßnahmen, die nach dem Infektionsschutzgesetz angeordnet werden können, gibt es weitere Empfehlungen, die zum persönlichen Schutz, z.B. bei beruflich exponierten Personen, beitragen wie die Einhaltung von Hygieneempfehlungen. (S. 62).

Die enorme Anzahl Infizierter, deren Erkrankung so schwerwiegend ist, dass sie hospitalisiert sein sollten bzw. im Krankenhaus intensivmedizinische Betreuung benötigen würden, übersteigt die vorhandenen Kapazitäten um ein Vielfaches (siehe Abschnitt KRITIS, Sektor Gesundheit, medizinische Versorgung). Dies erfordert umfassende Sichtung (Triage) und Entscheidungen, wer noch in eine Klinik aufgenommen werden und dort behandelt werden kann und bei wem dies nicht mehr möglich ist. Als Konsequenz werden viele der Personen, die nicht behandelt werden können, versterben. (S. 65).

Die zuständigen Behörden, zunächst die Gesundheitsämter und dort vornehmlich die Amtsärzte, haben Maßnahmen zur Verhütung übertragbarer Krankheiten zu ergreifen. Das IfSG erlaubt dazu unter anderem Einschränkungen von Grundrechten (§ 16 IfSG), wie z. B. das Recht auf die Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 Absatz 1 GG). Im Rahmen von notwendigen Schutzmaßnahmen können zudem das Grundrecht der Freiheit der Person (Artikel 2 Absatz 2 Satz 2 GG) und die Versammlungsfreiheit (Artikel 8 GG) eingeschränkt werden (§ 16 Absatz 5 bis 8 und § 28 IfSG).

Neben diesen direkt vom Amtsarzt anzuordnenden Maßnahmen kann das Bundesministerium für Gesundheit durch eine Rechtsverordnung anordnen, dass bedrohte Teile der Bevölkerung an Schutzimpfungen oder anderen Maßnahmen der spezifischen Prophylaxe teilzunehmen haben (§ 20 Absatz 6 IfSG), wodurch das Recht auf körperliche Unversehrtheit (Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 GG) eingeschränkt werden kann.

Diese Aufgaben stellen die zuständigen Behörden im Verlauf des hier zugrunde gelegten Ereignisses vor große bzw. mitunter nicht mehr zu bewältigende Herausforderungen. Dies gilt sowohl im Hinblick auf die personellen und materiellen Ressourcen als auch in Bezug auf die Durchsetzbarkeit behördlicher Maßnahmen. (S. 68f).

Die hohe Zahl von Konsultationen und Behandlungen stellt sowohl Krankenhäuser als auch niedergelassenen Ärzte vor immense Probleme. Die medizinische Versorgung bricht bundesweit zusammen.

Die personellen und materiellen Kapazitäten reichen nicht aus, um die gewohnte Versorgung aufrecht zu erhalten. Der aktuellen Kapazität von 500.000 Krankenhausbetten (reine Bettenanzahl, von denen ein Teil bereits von anders Erkrankten belegt ist, die Bettenzahl ließe sich durch provisorische Maßnahmen leicht erhöhen) stehen im betrachteten Zeitraum (1. Welle) mehr als 4 Millionen Erkrankte gegenüber, die unter normalen Umständen im Krankenhaus behandelt werden müssten. Der überwiegende Teil der Erkrankten kann somit nicht adäquat versorgt werden, so dass die Versorgung der meisten Betroffenen zu Hause erfolgen muss. Notlazarette werden eingerichtet. ( S. 73).

Die Auswirkungen einer solchen Pandemie auf die Gesellschaft sind allerdings nur schwer abzuschätzen und hängen von verschiedenen Faktoren ab, z. B. von der Art und Weise des behördlichen Handelns und der behördlichen Kommunikation, der Berichterstattung in den Medien etc.

Im vorliegenden Szenario wird davon ausgegangen, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich solidarisch verhält und versucht, die Auswirkungen des Ereignisses durch gegenseitige Unterstützung und Rücksichtnahme zu verringern. Ähnlich solidarische Verhaltensweisen wurden vielfach bei anderen Extremsituationen beobachtet. Gleichwohl ist es nicht auszuschließen, dass eine zunehmende Verunsicherung und das Gefühl, durch die Behörden und das Gesundheitswesen im Stich gelassen zu werden, aggressives und antisoziales Verhalten fördert. (S. 79).

Es ist von einem hohen öffentlichen Interesse während der gesamten Lage auszugehen. Der Ruf nach einem schnellen und effektiven Handeln der Behörden wird früh zu vernehmen sein. Die Suche nach „Schuldigen“ und die Frage, ob die Vorbereitungen auf das Ereignis ausreichend waren, dürften noch während der ersten Infektionswelle aufkommen. Ob es zu Rücktrittsforderungen oder sonstigen schweren politischen Auswirkungen kommt, hängt auch vom Krisenmanagement und der Krisenkommunikation der Verantwortlichen ab. (S.80).

In Deutschland hat es in den letzten Jahrzehnten kaum außergewöhnliches Seuchengeschehen gegeben, welches zu enormem materiellen Schaden oder Verlust von Menschenleben geführt hätte. Das Beispiel SARS zeigt jedoch, dass ein solches Seuchengeschehen leicht auch Länder mit hohen Entwicklungs- und Gesundheitsfürsorgestandards treffen kann. (S. 81).

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Derzeit arbeiten Menschen in Krankenhäusern am Rande ihrer Kräfte.

Nach Ende der Pandemie ist zu hoffen, dass die systemimmanenten Kritikpunkte des Gesundheitswesens breit öffentlich diskutiert werden - wozu sich der nachfolgende Film eignet:

http://www.der-marktgerechte-patient.org/index.php/de/ Der marktgerechte Patient

Ein "FILM VON UNTEN" von Leslie Franke und Herdolor Lorenz, 82 Min.

(…) Der Patient wird nicht mehr als Mensch betrachtet, dem es zu helfen gilt, sondern als einen Menschen, mit dem man etwas machen kann. Der Patient, der zum Mittel wird, der Patient, den man benutzt, um Erlöse zu optimieren. Die Frage ist nicht mehr: was braucht der Patient, sondern was bringt der uns. Gleichzeitig durchforsten Wirtschaftsberater jede Abteilung, ob ein Vorgang nicht doch noch mit weniger Personal bewältigt werden kann. Viele Ärztinnen und noch mehr Pflegerinnen wollen und können in diesem System nicht mehr arbeiten, ohne selbst krank zu werden. In dieser Situation starten wir am 8.11.2018 den Film „Der marktgerechte Patient". Viele hundert Veranstaltungen mit dem Film werden die Diskussion über die Ausrichtung der Gesundheit am Profit vorantreiben.

Jetzt verkündet der Gesundheitsminister Jens Spahn, 13.000 neue Pflegestellen schaffen zu wollen. Woher er diese Fachkräfte bei den Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern nehmen will, bleibt sein Rätsel. Dass mehr als 50.000 Stellen in den letzten 15 Jahren gestrichen wurden in Folge der marktgerechten Ökonomisierung, der Fallpauschalenregelung, das erwähnt er lieber nicht. Der Film „Der marktgerechte Patient" kommt zur rechten Zeit. Er kann Volksbegehren unterstützen, Bündnisse initiieren. Er liefert Argumente auf Basis einer Ursachenanalyse für alle, die sich für eine menschenwürdige und soziale Gesundheitsversorgung für Beschäftigte und Patienten einsetzen wollen. Deshalb: Organisieren Sie in allen Ecken der Republik Filmveranstaltungen mit Diskussionen. (…)

Hinweis von C. Ronnefeldt zum letzten Satz: Sobald dies wieder möglich ist.

Alle Beiträge von Clemens Ronnefeldt finden sich in unserem FriedensBlog.