Libanon - zur Rolle der Religionen und der Zivilgesellschaft - F. Farenski im Dialog mit C. Ronnefeldt / Libanon: Hintergrund-Artikel

Mi, 04/12/2019 - 23:01 - Clemens Ronnefeldt

Liebe Friedensinteressierte,

im Rahmen von Transparenz TV und der Sendereihe „Friedensfragen mit Clemens Ronnefeldt“ sende ich nachfolgend eine Inhaltsangabe und den Link zu folgender Sendung:

Heute, Mittwoch, 4.12.2019 - 20.30 Uhr:

Libanon - zur Rolle der Religionen und dem Engagement der Zivilgesellschaft

Interview von Frank Farenski mit Clemens Ronnefeldt

Im zweiten Teil des Libanon-Interviews - das erste drehte sich um die Geschichte des Libanon und die Frage palästinensischer und syrischer Geflüchteter im Land - berichte ich wieder mit Bildern von meinen Reiseeindrücken im Oktober 2019.

Im Libanon sind religiöse Würdenträger, z.B. Scheichs oder Bischöfe, gleichzeitig Richter. Diese Verquickung von Religion und Staat missfällt zunehmend weiten Teilen der libanesischen Bevölkerung, die auf Reformen drängt, insbesondere auch auf die Überwindung des religiösen Proporzsystems, das die Verteilung der Ämter im Staat regelt.

Unsere Reisegruppe hatte den Beginn der sozialen Proteste Ende Oktober 2019 vor Ort erlebt, u.a. mit brennenden Reifen oder Barrikaden auf den Autobahnen. In diesen Protesten entlud sich der Zorn auf eine korrupte Staatsführung, die lebenswichtige öffentliche Aufgaben wie die Strom- und Wasserversorgung nicht erfüllt, ebenso wenig das Müllproblem in den Griff bekommt. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte eine Steuer auf WhatsApp-Nachrichten.

In der Sendung werde ich eine Reihe von Nichtregierungsorganisationen (NGO) vorstellen, so z.B. ein Zentrum für Drogenabhängige, die Frauenrechtsorganisation KAFA („Genug“, im Sinne von genug Gewalt) oder Mosan, eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen.

Anhand von Bildern wird auch die Arbeit der deutschen evangelischen Gemeinde in Beirut vorgestellt werden, ebenso das „Haus des Friedens“ in Wardaniyeh bei Saida, das seit vielen Jahren soziokulturelle Studien- und Begegnungsreisen sowie Sprachkurse zum Erlernen der arabischen Sprache anbietet.

Heute, Mittwoch, 4.12. um 20.30 Uhr und danach dauerhaft unter:

https://www.youtube.com/watch?v=vbxrAeRwA24

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Hier einige Links zu den im Interview beschriebenen Begegnungen:

Dar Assalam (Haus de Friedens):

http://libanon-reise.com/

 

KAFA (Genug Gewalt):

https://www.daleel-madani.org/civil-society-directory/kafa-enough-violence-exploitation/jobs

Friedrich-Ebert-Stiftung im Libanon:

https://www.fes.de/standorte/fes-international/libanon/

 

Evangelische Gemeinde Beirut:

http://evangelische-gemeinde-beirut.org/

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Nachfolgend ein Beitrag von Armin Hasemann, der das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung im Libanon leitet.

https://www.ipg-journal.de/regionen/naher-osten/artikel/detail/keine-glaubensfrage-3864/ Keine Glaubensfrage

Die Protestierenden im Libanon wollen den konfessionellen Proporz hinter sich lassen. Den Machthabern ist das zu radikal.

Von Armin Hasemann | 11.11.2019

(…) Nach dem Ende des libanesischen Bürgerkriegs im Jahr 1990 hatte die Regierung in großem Stil Anleihen aufgenommen, um den Wiederaufbau der maroden Infrastruktur zu beschleunigen. Die Verschuldung des Landes stieg in den 1990er Jahren und erneut nach dem Konflikt mit Israel im Sommer 2006 rapide an. Derzeit wird sie auf 74,5 Milliarden US-Dollar geschätzt, was gut 140 Prozent des BIP entspricht.

Gemessen am Verhältnis von BIP zu Schulden ist der Libanon das am dritthöchsten verschuldete Land der Welt. Die Zinszahlungen verschlingen 48 Prozent der inländischen Einnahmen des Staates, was den Spielraum für öffentliche Investitionen in Infrastruktur und soziale Dienste eng begrenzt. Letztere werden, wo sie existieren, häufig von klientelistischen Netzwerken betrieben. Für politisch Andersdenkende sind sie entsprechend praktisch unzugänglich.

Im Gegensatz zu früheren Protestwellen beschränken sich die aktuellen Proteste nicht auf Beirut. Sie finden dezentral in sämtlichen Regionen unabhängig von deren religiöser Zusammensetzung oder der jeweils politisch dominierenden Kraft statt. Die Proteste sind auch insofern einzigartig, als sie dezidiert säkulare Themen und Anliegen vertreten und die herrschende politische Klasse in ihrer Gesamtheit ablehnen.

Der Slogan „Kellon Ya’ni Kellon“ (alle bedeutet alle) ist zu einem Marschruf über alle Demonstrationen hinweg geworden. Dies markiert einen Wendepunkt in der Stimmung des Volkes und eine Zurückweisung der politischen Klasse und ihrer konfessionellen Politik. (…)

Um die aktuelle Krise zu entschärfen, müsste die Regierung eine Reihe struktureller Wirtschaftsreformen durchsetzen. Eine Einschränkung der öffentlichen Ausgaben würde Mittel freisetzen, die anschließend in rentable Projekte insbesondere im Bereich der Infrastruktur fließen könnten. Damit ließen sich auch eine Vielzahl direkter und indirekter Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen.

Zudem müssten Einkommensquellen erschlossen werden, die bislang geschützt und ungenutzt sind. Die Besteuerung von Vermögen, die Erhöhung der Steuern auf Banken und Immobilien sowie die Regulierung der unversteuerten und nicht regulierten Küstenimmobilien könnten das Defizit der Regierung in einen Überschuss verwandeln. Allerdings zählen die zahlreihe Mitglieder der politischen Elite selbst zu den großen Gewinnern der bislang geltenden Vernachlässigung solcher zentralen Einkommensquellen.

Die derzeitige Protestbewegung ist in ihrer Dezentralität und in ihrer kategorischen Ablehnung der politischen Klasse einzigartig in der Geschichte des Libanon. (…)

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Und hier noch ein Ausblick: Wenn in wenigen Wochen die Sternsinger vor der Tür stehen, sammeln sie für Geflüchtete aus Syrien im Libanon:

https://www.sternsinger.de/projekte/frieden/libanon-im-frieden-aufwachsen/ Sternsinger-Projekt

Aktion Dreikönigssingen 2020

In Frieden aufwachsen im Libanon und weltweit

Als eine Bombe ihr Haus im syrischen Idlib traf, floh Nour mit ihrer Familie in den Libanon. Das Leben im Flüchtlingslager ist nicht einfach, doch im Projekt des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes finden Nour und ihre Geschwister ein Stück Normalität.

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst, ein langjähriger Partner der Sternsinger, hat in der Bekaa-Ebene drei Zentren eröffnet, mit Unterricht und Freizeitangeboten für Flüchtlingskinder wie Nour. Die Mitarbeiter bereiten die Jungen und Mädchen auf den Unterricht an einer libanesischen Schule vor und geben ihnen ein Stück Normalität und Stabilität zurück. Viele der Kinder lernen erst hier, was Frieden bedeutet. Sie haben den Krieg in ihrer Heimat erlebt und sind gezeichnet von der Flucht.

Täglich bekommen die Kinder in den Zentren eine warme Mahlzeit. In den kalten Wintermonaten erhalten sie warme Kleidung. Sozialarbeiter und Psychologen kümmern sich um traumatisierte Kinder und beziehen die Familien mit ein. (…)

Alle Beiträge von Clemens Ronnefeldt finden sich in unserem FriedensBlog.