ARD-Themenabend: Terror als Populisten-Porno - SZ-Kommentar von Heribert Prantl / Die TV-Zuschauer stimmen gegen das Grundgesetz / Kunduz

Liebe Friedensinteressierte,

dem nachfolgenden Kommentar von Heribert Prantl ist eine breite Wahrnehmung und Weiterverbreitung zu wünschen.

Mit freundlichen Grüßen

Clemens Ronnefeldt, Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes

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18. Oktober 2016, 14:42 Uhr ARD-Themenabend Terror als Populisten-Porno Die Zuschauer wurden im Film "Terror" dazu verleitet, die Menschenwürde zu verraten. Wie die ARD sie in die Amtsanmaßung und in ein Fehlurteil getrieben hat.

Von Heribert Prantl

Der ARD-Themenabend zu Terror - Ihr Urteil hat sein Thema nicht verfehlt; er hat es verstörend gut getroffen; er hat das Thema so gut erklärt, wie man es besser kaum erklären kann - fesselnd und bedrückend zugleich.

Der Fernsehfilm nach dem Theaterstück Ferdinand von Schirachs hat die Fragen so gestellt, dass sie das Herz zugeschnürt, den Kopf gemartert und das Gewissen geschüttelt haben: War es Recht oder Unrecht, ein von Terroristen entführtes Verkehrsflugzeug abzuschießen? Hat sich der Todesschütze, Kampfpilot der Bundeswehr, schuldig gemacht? Muss er bestraft werden, und wenn ja, wie? Was sagt das Bundesverfassungsgericht, was der Befehl, was das Gewissen?

Eineinhalb Stunden lang hat der Film Gründe und Abgründe einer tragischen Entscheidung ausgeleuchtet.

Zu schlechter Letzt aber, nach den Plädoyers von Staatsanwältin und Verteidiger, haben Ferdinand von Schirach (der unter Mitwirkung von Regisseur Lars Kraume und Produzent Oliver Berben auch das Drehbuch geschrieben hat) und die ARD das Thema und den Film in bewusstem und gewolltem Zusammenwirken missbraucht, um des billigen Plots und des interaktiven Effekts willen.

Nur angeblich nämlich hat der Themenabend die Zuschauer besonders ernst genommen, indem er sie zu Laienrichtern erklärte und zu einer Abstimmung drängte. Abgesehen von der unanständig kurzen Zeit, in der sie ihr Urteil fällen sollten, verschwammen hier die fiktionale und die reale Ebene.

Weiterlesen unter http://www.sueddeutsche.de/medien/ard-themenabend-terror-als-populisten-porno-1.3211228

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www.sueddeutsche.de/medien/terror-in-der-ard-die-tv-zuschauer-stimmen-gegen-das-grundgesetz-1.3209819

18. Oktober 2016, 07:11 Uhr "Terror - Ihr Urteil" in der ARD Die TV-Zuschauer stimmen gegen das Grundgesetz Er spielte schon Jesus und jetzt den heldenhaften Kampfpiloten: Florian David Fitz ist nicht ganz unschuldig daran, dass die große Mehrheit der ARD-Zuschauer nach dem Film "Terror" für den Freispruch plädiert.

TV-Kritik von Ruth Schneeberber

Er hat schon Jesus gespielt, auch das ziemlich überzeugend: Florian David Fitz, 41, ist eine der Wunderwaffen des deutschen Fernsehens und das weiß er auch. Am Montagabend ließ die ARD als großangekündigtes "TV-Ereignis" die Zuschauer darüber abstimmen, ob der fiktive Held aus dem Theaterstück "Terror" von Ferdinand von Schirach, ein Soldat namens Lars, freigesprochen oder wegen Mordes verurteilt werden soll.

(…)

Und dann kommt Plasberg. Als sei dieser Urteilsspruch wirklich von politischem Belang, hüpft der "Hart aber fair"-Moderator im Anschluss an den Spielfilm aufgeregt durch sein Studio - man könnte fast meinen, es hätte noch nie ein Fernsehpublikum über ein Urteil abgestimmt. Dabei befragte das ZDF seine Zuschauer einst jahrzehntelang "Wie würden Sie entscheiden?" und die Gerichtsshows der Privaten sind ebenfalls seit Jahrzehnten nicht totzukriegen. Neu ist nun, dass das Publikum wirklich entscheiden darf - und der Richter im Anschluss das Urteil des Volkes verkündet.

Technische Probleme beim Voting

Doch die so wortreich verkündete Neuerung krankt - wie so oft im öffentlich-rechtlichen TV - a bisserl an der Umsetzung: In den paar Minuten nach der Sendung, in der die Leitungen für die Wahl zwischen "schuldig" oder "nicht schuldig" freigeschaltet waren, kamen viele Anrufer wegen einer technischen Störung nicht durch; auch die Internetseite war schlecht zu erreichen.

(…)

Terrorismus und Verantwortung

Die Diskussion ist heute brandaktueller denn je. Der Terrorismus hat in diesem Sommer Deutschland erreicht, ein Terrorverdächtiger hat sich jüngst in Sicherheitsverwahrung das Leben genommen. Auch dieser Fall erregt die Öffentlichkeit in einem Maße, der bisweilen das Maß vermissen lässt. Der Hintergrund ist eine Mischung aus Angst, politischer Instrumentalisierung und dem dringenden Wunsch, jemanden zur Verantwortung zu ziehen für das, was passiert.

Genau solche Debatten rückt "Terror - Ihr Urteil" gezielt in den Mittelpunkt und lässt das Volk darüber verhandeln. Dass die Fernsehzuschauer mit überragenden 86,9 Prozent für einen Freispruch plädiert haben (nur 13,1 Prozent votierten für "schuldig", genau wie in Österreich, die ebenfalls dazu befragte Schweiz plädierte zu 84 Prozent für den Freispruch des Piloten), liegt auch an dem gefühligen Medium TV als Stimmungsverstärker - und nicht zuletzt an Schauspieler Fitz, dem man als Zuschauer einfach nichts übel nehmen kann. Die Versuchsanordnung, alle Sympathien gleich zu verteilen, ist da nicht ganz gelungen.

Dass Schirachs Stück im Theater weit weniger eindeutige Freisprüche liefert (das Verhältnis ist dort eher 60 Prozent Freisprüche zu 40 Prozent Schuldsprüchen) spricht dafür. Die These, die nun allenthalben empört geäußert werden wird, dass das Volk einfach nicht zur Volksabstimmung tauge, kann also getrost wieder verworfen werden. Nicht alles und jedes ist eben zur Volksabstimmung gedacht. Und Frank Plasberg ist, so gerne er es vielleicht wäre, nun einmal kein Richter.

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Am 17.10.2016 erschien auf Seite 9 der Süddeutschen Zeitung eine große Anzeige - die nicht als Anzeige gekennzeichnet war - mit der Überschrift:

"Ich habe 164 Menschengetötet, um 70 000 zu retten“.

Dazu das Bild des Piloten, die Möglichkeiten, unter zwei Telefonnummern für Schuldig oder Unschuldig zu plädieren und der Hinweis auf den Film in der ARD um 20.15 Uhr.

In der gleichen SZ-Ausgabe S. 23 (Medien) folgte ein 5-Spalten-Artikel:

„Der Richter und sein Denker“ - ebenfalls zum Film „Terror - Ihr Urteil“.

Dazwischen, auf Seite 15 (Forum und Leserbriefe), war an diesem Tag die Leserbriefseite überschrieben:

„Kundus-Urteil

Die Opfer bleiben ungesühnt“

Unter der Überschrift „Furchtbare Juristen“ schrieb Wolfram Salzer, Neustadt-Wildenheid:

„(…) Das erstinstanzliche Landgericht Bonn und das Oberlandesgericht Köln als Berufungsgericht haben grundsätzlich bejaht, dass bei völkerrechtswidrigen Angriffen der Bundeswehr auf Zivilisten Schadenersatzansprüche von diesen gegen Deutschland geltend gemacht werden können. Abgewiesen aber wurden die Klagen, weil Oberst Klein von einer ‚unmittelbar bevorstehenden Gefahr für Leib und Leben seiner Soldaten ausgehen durfte’, ungeachtet dessen, dass die Tanklastzüge im Treibsand - fernab des Bundeswehrlagers - hoffnungslos feststeckten und lediglich Dorfbewohner ihre Kanister mit Benzin gefüllt haben.

Selbst diese von den Vorinstanzen an den Haaren herbeigezogene Begründung, mit welcher das Töten von mehr als 100 Menschen durch Oberst Klein gerechtfertigt werden soll, geht dem Bundesgerichtshof (BGH) noch nicht weit genug: Der BGH urteilt nicht nur, dass Oberst Klein alles richtig gemacht hat, nein, der BGH hat solchen Klagen von Anfang an einen Riegel vorgeschoben: Er doziert, dass einzelne Opfer von vornherein nicht das Recht haben, in Deutschland gegen Deutschland überhaupt eine Klage einzureichen. Zur Begründung bemüht der Vorsitzende Richter Ulrich Herrmann die ‚Wertordnung des Grundgesetzes‘ .

Damit nicht genug: Er stellt der Bundeswehr einen Blankoscheck aus, wonach sie bei Auslandseinsätzen grundsätzlich nicht zur Haftung herangezogen werden kann - und damit praktischerweise auch nicht deren Dienstherr, die Bundesrepublik Deutschland.

Fazit: Ein Täter wie der hoffnungslos überforderte Oberst Klein, der mehr als hundert Menschen wegen einer nicht existierenden konkreten Gefahr in Grund und Boden bombardieren ließ, wird zum General befördert - eine Schande! Moralisch aber die weitaus größere Schande ist, dass sich hoch bezahlte Richter als Handlager des Staates und als 'furchbare Juristen‘ dazu hergeben, solche mörderischen Aktionen rechtlich abzufedern. Letzte Hoffnung: das Bundesverfassungsgericht."

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