Buchvorstellung: Bernd Sommer und Harald Welzer, Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfaehige Moderne

Liebe Friedensinteressierte,

zur Bewältigung der gegenwärtigen Krisen scheint mir die Lektüre des nachfolgenden Buches sehr lohnend.

Bernd Sommer und Harald Welzer, Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne.

Buchvorstellung von Clemens Ronnefeldt

Nach seinem Bestseller "Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand", schrieb Harald Welzer, Professor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg, zusammen mit Bernd Sommer, Leiter des Forschungsbereichs Klima, Kultur und Nachhaltigkeit am Flensburger Norbert Elias Center (NEC) ein weiteres inspirierendes Buch zur Bewältigung gegenwärtiger Krisen.

Auf den ersten 100 Seiten weisen beide Autoren anschaulich nach, vor welchen dramatischen Herausforderungen im Bereich Klima und Umwelt die Menschheit steht. Auf Seite 61 macht eine Metapher nachdenklich: "Waren in Sklavereigesellschaften die Herren abhängig von Sklavenarbeit, so sind wir heute abhängig von der Nutzung fossiler Energieträger. (...) Nach Schätzung von John Mc Neill benötigte zum Ende des 20 Jahrhunderts ein Mensch zur Aufrechterhaltung seines Lebensstandards durchschnittlich 20 solcher "Energiesklaven", also das Äquivalent von 20 Arbeitskräften, die 24 Stunden pro Tag und 365 Tage pro Jahr für ihn arbeiten; der Durchschnittsamerikaner brauchte sogar mehr als 75 Energiesklaven".

Nicht nur Win-win-Lösungen, sondern Austrag schwerer Interessenskonflikte

Dass die gegenwärtigen Transformationsprozesse hin zu mehr Nachhaltigkeit und globaler Gerechtigkeit nicht ohne Konflikte und auch nicht ohne Verlierer abgehen können, wird spätestens auf S. 108 deutlich:

"Um das 2-Grad-Ziel der internationalen Klimapolitik zur Vermeidung eines gefährlichen Klimawandels zu erreichen, dürfen bis zur Mitte des Jahrhunderts nicht mehr als 565 Gigatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen. Dem gegenüber stehen etwa 2.795 Gigatonnen CO-2, die bei der Verbrennung der bekannten Reserven an Kohle, Öl und Gas freigesetzt würden, für die verschiedene Ölfirmen (wie ExxonMobil oder Royal Dutch Shell) oder Länder, die wie Ölfirmen agieren (wie Kuwait oder Venezuela), sich bereits die Zugriffsrechte gesichert haben. Diese Vorkommen entsprechen heute einem Geldwert von 27 Billionen US-Dollar (ebd). Mit anderen Worten, ambitionierter Klimaschutz, der mit dem 2-Grad-Ziel kompatibel ist, bedeutet nichts anderes, als dass diese Ölfirmen und Staaten etwa vier Fünftel ihrer Vorkommen an fossilen Brennstoffen im Boden lassen und damit auf Einnahmen - nach jetzigem Stand - von mehr als 20 Billionen US-Dollar verzichten. Kurz, für sie bedeutet der angestrebte Übergang ins postfossile Zeitalter kein 'Win-win', sondern die Vernichtung eines Großteils ihres Vermögens".

Ähnliches gilt auch beim Verzicht auf Atomenergie oder der drastischen Reduzierung von Rüstungshaushalten.

Ideen für nachhaltiges Leben

Im Zweiten Teil ihres Buches geben die beiden Autoren Anregungen, wie "gutes Leben" bei gleichzeitig verringertem Ressourcenverbrauch möglich ist: "Umgestaltung des Vorhandenen, das Verschwinden des Überflüssigen, die Vermeidung von Aufwand, die Reduktion von Energie und Material. Das setzt voraus: nicht nur andere, sondern weniger Produkte. Keine neuen Aufwände, sondern wiederverwenden, umnutzen, nachnutzen, mitnutzen" (S. 118).

Bestechend sind einige Beispiele, die zeigen, wie eine neue zukunftsfähige Nachdenklichkeit aussehen könnte, so im Bereich Architektur, wo "die beiden französischen Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal, die im Rahmen eines Wettbewerbs zu einer Neugestaltung eines Platzes in Bordeaux vorschlugen, den Platz zu belassen wie er war, und die verfügbare Bausumme in die regelmäßige Pflege zu investieren. Sie gewannen den Wettbewerb" (S. 132).

Ein anderes Beispiel zeigt, wie mit sozialer Intelligenz ein 20-Millionen-Pfund-Umbau einer Schule, die bei gestiegenen Schülerzahlen zu schmale Korridore aufwies, vermieden werden konnte: "Man schaffte lediglich die Schulglocke ab, die dafür sorgte, dass alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig aus den Klassenräumen strömten. (...) Man installierte in jedem Klassenraum eine Glocke und ließ sie zeitversetzt klingeln, so dass zu große Gruppen in den Gängen gar nicht erst entstanden" (S. 133).

In Deutschland würde eine solche Lösung möglicherweise daran scheitern, dass im Brandfall alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig in kürzester Zeit evakuiert werden müssten. Die Frage, wie dieses Problem am Beispiel der zeitversetzten Glocke gelöst wurde, bleibt im Buch offen.

Als zukunftsweisend stellen die Autoren die Baumeister der Oxfort University vor: "Als sie zum Ende des 14. Jahrhunderts aus Eichenstämmen den Speisesaal der Universität errichteten, pflanzten sie zugleich neue Eichen, deren Holz Zimmerleuten im 19. Jahrhundert dazu dienen sollte, über die Jahrhunderte morsch gewordene Balken zu ersetzen" (S. 166).

Mobilität

Zum Thema "Mobilität" schreiben die Autoren: "Tatsächlich ist die Verfügbarbeit aller Waren zu jeder Zeit an jedem Ort der Welt so wenig ein Menschenrecht wie ein Merkmal von Zukunftsfähigkeit; im Übrigen ist ja völlig unklar, wieso mit dem Sich-Selbst-Gleich-Werden aller Weltteile unter dem Vorzeichen des Konsums und der universalen Verfügbarkeit derselben Waren und Güter personale Mobilität noch weiter anwächst. Niemals zuvor gab es so viel Grund, zu Hause zu bleiben, nie gab es weniger Fremdes zu entdecken" (S. 171).

Statt dessen plädieren die Autoren für ein bewussteres, entschleunigteres Leben unter den Stichworten: "innehalten, aufhören, zurückgehen, ankommen" (S. 172f.):

Innehalten: "Jeder Nutzer von E-Mail und sozialen Medien weiß, dass es eine Ökonomie des Nicht-Handelns gibt. Dinge, die erfragt oder mitgeteilt werden, erledigen sich mitunter ganz von selbst, wenn man nicht reagiert".

Aufhören: "Aufhören als moratorische Strategie hätte allgemein den Vorteil, (...) Zwischenräume des distanzierten Betrachtens einzufügen, um was für ein Problem es in welchem Zusammenhang eigentlich geht. (...) Aufhören bedeutet eine Reduktion sozialer, biographischer und physikalischer Mobilität. Oder die Absicht, fertig zu werden".

Zurückgehen: (...) "In einer Kultur, die den Kern ihrer Existenz im Erreichen quantitativer Extensionen sieht, werden Rückkehr und Rückbau als Zurückfallen hinter das einmal Erreichte betrachtet, auch dann, wenn das Erreichte hinsichtlich der Ressourcenzerstörung die Voraussetzungen seiner eigenen Existenz ruiniert. Sich langsamer oder gar nicht zu bewegen, zu Hause zu bleiben, Gesellungs- und Vergemeinschaftungsformen zu entwickeln, die keine Überwindung räumlicher Distanzen voraussetzen, stellen demgegenüber ganz neue Herausforderungen dar".

Ankommen: "Ankommen heißt aufzuhören, den Weg gegenüber dem Ziel zu privilegieren. (...) Lebenskunst bestand immer schon in einer Reduktion auf Wesentliches oder, mit Oscar Wilde, in der radikalen Vereinfachung des Geschmacks: stets mit dem Besten zufrieden zu sein. (...) Ankommen bedeutet ja auch die Erkenntnis, dass es Dinge und Situationen gibt, die keine Verbesserung mehr brauchen".

Hindernisse und Widerstände

Dass es auf dem Weg in eine nachhaltige Moderne zahlreiche Hindernisse zu überwinden gilt, legen die Autoren erfrischend offen: "Menschen korrigieren einmal gefällte Entscheidungen und einmal eingeschlagene Richtungen ungern, weil das nicht nur den Orientierungsbedarf erhöht, sondern auch die Infragestellung und Revision einer ganzen Kette von Entscheidungen erfordert" (S. 177).

"Es wäre auch naiv, darauf zu vertrauen, dass das Bessere sich durchsetzen würde, weil es besser ist. Das Bessere, das haben alle sozialen Bewegungen gezeigt, setzt sich erstens nur dann durch, wenn die Konflikte, die mit seiner Durchsetzung verbunden sind, erfolgreich ausgetragen werden, und zweitens, wenn es sich in die Produktions- und Reproduktionsverhältnisse tiefenwirksam einschreibt" (S. 179).

"Ohne ökonomische Autonomie, die mittels eigenen Strukturen von Produktion und Konsumption hergestellt wird, bleiben Protestbewegungen von den gegebenen Produktionsverhältnissen abhängig. Daraus folgt, dass Gegenbewegungen zum zerstörerischen Prinzip kapitalistischer Wachstumswirtschaft sich nicht auf Aufklärung, Protest und Argumente verlassen können, sondern der bestehenden Ökonomie, Politik und Alltagskultur eine andere entgegenstellen müssen" (S. 180).

Beispiel-Initiativen mit dem Potential nachhaltiger Zukunftsfähigkeit

Im letzten Teil ihres mutmachenden Buches stellen die beiden Autoren eine Reihe von Initiativen vor, beginnend mit der Transition-Town-Bewegung (www.transitionnetwork.org), die inzwischen mehr als 500 Gemeinden und Städte in 40 Ländern umfasst, die sich u.a. unabhängig(er) von externer Energieversorgung gemacht haben.

Der us-amerikanische Umweltaktivist Bill McKibben hat eine "Fossil Fuel Divestment"-Kampagne gestartet, "die von der simplen, aber höchst brisanten Überlegung aus(geht), dass man ganzen Branchen die Geschäftsgrundlage entziehen kann, wenn man sein Geld herausnimmt. Das ergibt schon auf der Ebene privater Geldanlagen eine nicht unbeträchtliche Summe, gewinnt aber ganz erhebliches Gewicht, wenn die Stiftungsvermögen amerikanischer Colleges und Universitäten, die Vermögen kirchlicher Organisationen und die Haushalte von Kommunen nicht mehr dort investiert werden, wo künftige Überlebenschancen zerstört werden. Der Erfolg dieser Kampagne, die übrigens einen erfolgreichen historischen Vorläufer im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika hat, ist frappierend: Mittlerweile gibt es an fast 400 amerikanischen Schulen, Colleges und Universitäten entsprechende Initiativen, vier Colleges und zehn Städte, darunter Seattle und San Francisco, divestieren bereits. In Europa, wohin die Kampagne sich jetzt ausbreitet, hat sich das University College London angeschlossen, und man muss nur an die Summe der Stiftungsvermögen in Deutschland denken, um zu ermessen, wieviel Kapital dem Falschen entzogen werden kann" (S. 191f).

"Zum Falschen" - sofern die Menschheit überleben möchte - zählen noch zahlreiche andere Industriezweige, vor allem die Atom- und Rüstungsindustrie sowie die Großbanken- und Investmentbranche, für die diese Überlegungen zum "Divestment" genauso gelten - und es spannend wäre zu erfahren, ob es in diesen Wirtschaftssektoren bereits ebenfalls gelungene Beispiele für Transformationen gibt.

Einige bereits bekanntere Initiativen runden das Buch ab: Die "Gemeinwohlökonomie" von Christian Felber, der sich inzwischen zahlreiche Unternehmen angeschlossen haben, die eine Bilanz danach erstellen, was zum Gemeinwohl der gesamten Gesellschaft beiträgt. Vorgestellt werden auch Grundzüge des bedingungslosen Grundeinkommens und die ökologisch positiven Auswirkungen von Arbeitszeitverkürzungen. Besonders gewürdigt wird die "Postwachstumsökonomie" von Nico Paech.

Das Buch endet auf Seite 122: "Ohne den Abstieg bestimmter sozialer Gruppen und Einheiten und den komplementären Aufstieg anderer - wachstumsneutraler Unternehmen, ökologischer Landwirte, Energiegenossenschaften etc. - kann dieser Pfadwechsel nicht gelingen. Dies bedeutet nicht, dass 'der Kapitalismus' oder 'das System' abgeschafft wird. Auch der Aufstieg der Arbeiterbewegung hat den Kapitalismus nicht 'abgeschafft', aber das Verhältnis von Kapital und Arbeit neu konfiguriert".

Je härter die gegenwärtigen Krisen eskalieren, desto aktueller und wirkmächtiger wird dieses Buch noch werden.

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Bernd Sommer und Harald Welzer, Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München 2014, Oekom-Verlag München, 236 Seiten, 19.95 Euro

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