Den Krieg nicht mehr lernen – Den Frieden entwickeln

Rede von Matthias EngelkeWährend der Jahrestagung 2014 gab es eine künstlerische  Aktion des Versöhnungsbundes auf dem Marktplatz von Salzwedel. Bei dieser hat unser Vorsitzender Matthias Engelke eine Rede gehalten, in der er die sichtbare und nicht-sichtbare Seite des Krieges und die unhörbare und hörbare Gestalt des Friedens beschreibt.

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PDF icon SALZWEDEL-REDE mE 2014-08-08.pdf168.54 KB

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In einer Mail vom 7. Juni d.

In einer Mail vom 7. Juni d. J. bat Wolfgang Hertle um den Redetext meines Beitrages zur Aktion in Salzwedel. Im Anschluss schrieb mir Wolfgang, dass vor allem ein Satz ihm "heftige Bauchschmerzen" verursachen würde. Er schreibt weiter:

Als ich bei Deiner Ansprache in Salzwedel folgenden Satz hörte, dachte ich “Da hab ich mich wohl verhört. Das kann er doch nicht gesagt haben! " Ich sah an einigen Gesichtern unter uns zweifelndes Stirnrunzeln, aber Du bestätigst schriftlich, dass es Deine Äußerung war:

„Zur unhörbaren Gestalt gehört: Jeder und jede, die Gewalt erleidet, bringt mit seinem und ihrem Leib und Person die Gewalt zum Stillstand..“


Diese Einstellung lehne ich grundsätzlich ab und falls sie für den Versöhnungsbund charakteristisch sein sollte, würde ich den Verband nach 45 Jahren Mitgliedschaft unter Protest verlassen.

In den allermeisten Fällen erleiden Menschen Gewalt gegen ihren Willen und ihr Leiden bringt die Gewalt keineswegs zum Stillstand.

Auch wenn Menschen bereit sind, lieber Gewalt hinzunehmen als selbst Gewalt auszuüben, ist damit die Gewalt nicht zum Stillstand gebracht. Und erst recht reicht das nicht, um Frieden zu schaffen.

So wie Du es formuliert hast klingt es für mich nach Masochismus und Opfer-Mythos, nicht nach lebensbejahender gewaltfreier Konfliktaustragung. Ich empfinde, das als eine öffentliche Äusserung des Vorsitzenden des Versöhnungsbundes mehr als bedenklich.

Das kannst Du doch, hoffentlich, nicht so gemeint haben!

Ich bin sehr dafür, dem politischen Gegner ohne Gewalt und mit offenem Visier entgegen zu treten.

Dabei kann ich mich auch in bestimmten Fällen entscheiden, ein Risiko (z.B.Gewalt oder Bestrafung) auf mich zu nehmen. Dabei sollte ich mich vorher genau prüfen, ob ich und in welchem Maße ich dazu bereit und in der Lage bin.Das kann aber nicht bedeuten,, das Erdulden von Gewalt in sich ein anzustrebender Wert ist. Nach meiner Überzeugung bedeutet Gewaltfreiheit auch, unnötiges Leiden zu vermeiden, um handlungsfähig und damit politisch wirksam und aussagefähig zu bleiben. Indem ich mich weigere, die Mittel des Gegners zu übernehmen, appelliere ich an ihn, seinerseits auf Gewalt zu verzichten. In den meisten Fällen ist es notwendig, darüber hinaus den Willen zum (gewaltfreien) Widerstand zu zeigen.

Ich bitte um Stellungnahme, mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Hertle

 

Wir telefonierten im unmittelbaren Anschluss miteinander. In der Sorge um die von Wolfgang angesprochenen und m. E. durchaus möglichen Missverständnisse veränderte ich geringfügig den Text und stellte ihn so ins Netz. Die angesprochene Stelle lautet nun:


Der Friede hat eine unhörbare und eine hörbare Gestalt.
Zur unhörbaren Gestalt gehört: Jeder und jede, die und der – ohne es selber anzustreben –
Gewalt erleidet, bringt mit seinem und ihrem eigenem Leib und Person die Gewalt zum
Stillstand (vgl. das Buch der Offenbarung).

 

Daraufhin schrieb Wolfgang:

 

Lieber Matthias,
nun ist der Text deiner Ansprache aus Salzwedel doch in unveränderter Form über die home page des VB veröffentlicht.
Ich finde das schade und so wie es da steht auch schädlich, weil ich wie viele Menschen das im Zusammenhang mit Gewaltfreiheit bewusst ablehnen. Gewalt erdulden ist für sich keineswegs ein befreiender Akt, wäre es so , dann wäre unsere Welt schon um etliche Gewalt ärmer.
Ich kann Dich nur dringend bitten, den Text noch zu ändern.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang

 

Die vorgenommene Veränderung ist offenbar nicht ausreichend um zu verhindern, dass der Satz so verstanden wird, als sei Gewalt erdulden für sich schon ein befreiender Akt. Das ist nicht gemeint.
In einer Mail an Wolfgang schrieb ich:

Ich denke dabei vor allem an ein Wort von Martin Luther King - ich
such's gerne nochmal raus, in dem er von dem befreienden Erlebnis
erzählt, als er den gewaltfreien Weg einmal für sich selbst in Gedanken
und mit seinen Empfindungen bis zu einem möglicherweise gewaltsamen Tod
zu Ende gegangen ist und ihm klar wurde, dass dies für ihn der Weg ist.
Ich glaube in der Tat, dass es in unserer Welt noch viel gewalttätiger
zuginge, gäbe es nicht alltäglich tausendfache Zeichen von Geduld. Wobei
ich Geduld nicht als stummes Erleiden verstehe, ein "sich gefallen
lassen", sondern als Aushalten und auf der Suche danach sein, wie und wo
ich etwas ohne Gewalt ändern kann, auch wenn ich es JETZT noch nicht
weiß. Mut UND Geduld ist für mich eins.

Wolfgang antwortete:

Ich bin kein Theologe und zweifle, ob den meisten LeserInnen dieses Satzes der Hinweis auf das Buch der Offenbarung zum besseren Verständnis reicht.

Was Du zu Geduld schreibst, kann ich voll teilen, auch schließe ich die Bereitschaft (unter bestimmten Bedingungen, z.B. macht es einen Unterschied, ob in der Situation Öffentlichkeit gewährleistet ist), in demonstrativen Situationen Gewalt über mich ergehen zu lassen, nicht aus. Als nicht mehr Christ aber ist mir die Einstellung zum potentiell erlösenden Tod, wie Du M. L. King interpretierst, nicht nur fremd, sondern tendenziell gefährlich und politisch falsch.

Ich sehe mich z. Z. – zumal ich mich missverstanden sehe, da ich nicht an eine erlösende Gewalt in irgendeiner Form glaube – außer Stande das von mir Gemeinte anders auszudrücken. Nach Absprache mit Wolfgang stellen wir unseren Disput hiermit zur Diskussion. Wir wären sehr dankbar für Hinweise und Anregungen!

Lobberich, den 14. Juli 2014

Wolfgang Hertle und ich

Wolfgang Hertle und ich führten vor dem Haupttor des Atomwaffenlagers in Büchel mit anderen Interessierten der 5. Öffentlichen Fastenaktion vom 1.-9.8.2014 sowie des Friedenscamps für eine atomwaffenfreie Welt und den Abzug der US-Atombomben aus Büchel ein klärendes Gespräch. Die jeweiligen Positionen wurden ausgesprochen und miteinander vertieft. Am Ende habe ich den offenbar stark missverständlichen Passus in Absprache mit Wolfgang umformuliert. In dieser Fassung steht nun die Rede im Netz.