Heinemann zum Krieg

Fr, 07/02/2014 - 07:23 - Clemens Ronnefeldt
Liebe Friedensinteressierte,
 
die Rede von Bundespräsident Joachim Gauck auf der Münchner
Sicherheitskonferenz 2014 schlägt weiterhin hohe Wellen.
 
Einer seiner Vorgänger als Bundespräsident hielt eine vielbeachtete
Rede, die in weiten Teilen konträr zur Rede des aktuellen Bundespräsidenten
steht - und nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat:
 
 
"Meine Damen und Herren, ich trete das Amt in einer Zeit an, in der die
Welt in höchsten Widersprüchlichkeiten lebt. Der Mensch ist im
Begriff, den Mond zu betreten, und hat doch immer noch diese Erde aus
Krieg und Hunger und Unrecht nicht herausgeführt. Der Mensch will
mündiger sein als je zuvor und weiß doch auf eine Fülle von Fragen
keine Antwort. Unsicherheit und Resignation mischen sich mit der
Hoffnung auf bessere Ordnungen. Wird solche Hoffnung endlich erfüllt
werden? Das ist eine Frage an uns alle, zumal an uns hier, die wir
kraft der uns erteilten Mandate Verantwortung für unsere Mitbürger
tragen.
 
Ich sehe als erstes die Verpflichtung, dem Frieden zu dienen. Nicht
der Krieg ist der Ernstfall, in dem der Mann sich zu bewähren habe,
wie meine Generation in der kaiserlichen Zeit auf den Schulbänken
lernte, sondern der Frieden ist der Ernstfall, in dem wir alle uns zu
bewähren haben. Hinter dem Frieden gibt es keine Existenz mehr. (…)
Ich appelliere an die Verantwortung in den Blöcken und an die Mächte,
ihre Zuversicht auf Sicherheit nicht im Wettlauf der Rüstungen,
sondern in der Begegnung zu gemeinsamer Abrüstung und
Rüstungsbegrenzung zu suchen. [Beifall] Abrüstung erfordert Vertrauen.
Vertrauen kann nicht befohlen werden; und doch ist auch richtig, daß
Vertrauen nur der erwirbt, der Vertrauen zu schenken bereit ist. Es
gehört zu den vornehmsten Aufgaben unserer Politik, Vertrauen
aufzuschließen. Dieser Aufgabe sind alle Machtmittel unterzuordnen -
die zivilen und die militärischen. (…)
 
Wir werden erkennen müssen, daß die Freiheit des einzelnen nicht nur
vor der Gewalt des Staates, sondern ebensosehr vor ökonomischer und
gesellschaftlicher Macht geschützt werden muß. Der Einfluß der
Verbände und ihrer Lobbyisten steht oft genug im Gegensatz zu unserer
Ordnung, in der Privilegien von Rechts wegen abgeschafft sind, aber in
der sozialen Wirklichkeit noch weiter bestehen. (…)
 
Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es
ist unser Vaterland. Hier leben und arbeiten wir. Darum wollen wir
unseren Beitrag für die eine Menschheit mit diesem und durch dieses
unser Land leisten. In solchem Sinne grüße ich auch von dieser Stelle
alle deutschen Bürger." [Lebhafter Beifall]
 
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Zu seinem Amtsantritt als Bundespräsident am 1. Juli 1969 hielt
Gustav Heinemann diese Rede.
 
 
Der oben stehende Auszug der Rede stammt aus: