Zum 8. Mai und zur Ukraine

Do, 08/05/2014 - 13:00 - Clemens Ronnefeldt

Liebe Friedensinteressierte,

aus Anlass des Gedenktages 8. Mai sowie der Gewalt in der Ukraine habe ich einige Texte zusammen gestellt.

Die heutige Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, 8. Mai 2014, berichtet von Hoffnungszeichen der Entspannung, die es auf allen Ebenen zu unterstützen gilt:

Aus Seite 1 steht unter der Überschrift "Putin bremst Rebellen in der Ukraine. Der Kreml-Chef fordert die prorussischen Kräfte auf, ihr Abspaltungs-Referendum zu verschieben. Vom Westen verlangt er, die Aufständischen an Gesprächen über die Zukunft des Landes zu beteiligen":

"Der russische Präsident Wladimir Putin hat sich am Mittwoch überraschend dafür ausgesprochen, das von den Separatisten in der Ostukraine für diesen Sonntag angesetzte Referendum über die Unabhängigkeit von Kiew zu verschieben. Im Gegenzug verlangte er allerdings einen 'direkten, vollwertigen und gleichberechtigten Dialog' zwischen den prorussischen Aufständischen und der Regierung in Kiew. Diese hatte Verhandlungen auf Augenhöhe bislang abgelehnt. Putin sagte: 'Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat einen runden Tisch in der Ukraine vorgeschlagen, das unterstützen wir.' Die für den 25. Mai geplante Präsidentenwahl in der Ukraine sei 'im Prinzip gut, aber sie hilft nicht, wenn die Bürger nicht wissen, wie hinterher ihre Rechte gewahrt werden'.

In Berlin hieß es, die Bundesregierung befürworte einen starke Rolle der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Eine Beteiligung von Vertretern unbewaffneter prorussischer Aktivisten wurde nicht ausgeschlossen. Der Schweizer Bundespräsident Didier Burkhalter, der in diesem Jahr der OSZE vorsteht, forderte in Moskau eine Waffenruhe für die Präsidentenwahlen. Für eine Deeskalation sei entscheidend, dass auch Putin zu einem Ende der Gewalt und Provokationen aufruft". (...)

Auf S. 4 der SZ schreiben Julian Hans und Stefan Braun unter der Überschrift: "Ein Hauch von Entspannung":

(...) Erst am Dienstag hatte Steinmeier einen Fünf-Punkte-Plan lanciert, in dem er neben einem neuerlichen Treffen in Genf, Verhandlungen über eine Verfassungsreform und die Entwaffnung nicht-staatlicher Gruppen die Einrichtung von runden Tischen fordert. Wörtlich plädierte er für eine Schaffung 'runder Tische und anderer geeigneter Formen eine formalisierten Dialogs, auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene', und das ganze 'unter Nutzung der Expertise der OSZE'." (...)

"Burkhalter war denn auch nach Moskau gereist, um in enger Abstimmung mit den Deutschen einen Weg zu finden, wie die Lage in der Ukraine beruhigt werden kann, damit die Präsidentenwahl am 25. Mai stattfinden kann. Die OSZE will die Abstimmung mit 1000 Beobachtern begleiten und so einen fairen Ablauf sicherstellen".

In vielen deutschen Städten finden heute Gedenkveranstaltungen statt

http://www.friedenskooperative.de/termdat.htm

wo diese Hoffnungszeichen bei Mahnwachen und Friedenskundgebungen unterstützt werden können.

Wie die weiteren Texte noch zeigen werden, liegt dem Ukraine-Konflikt auch die Frage zugrunde, ob die EU ein Brückenkopf für US-Interessen auf dem eurasischen Kontinent wird, oder zum gegenseitigen Nutzen weiterhin auch mit Russland kooperiert.

Vor dem Hintergrund kommt der Nicht-Unterzeichnung des Transatlantischen Freihandelsabkommens eine hohe Bedeutung zu. Der Appell dazu kann unterzeichnet werden unter

www.campact.de/ttip

Mit freundlichen Grüßen

Clemens Ronnefeldt,

Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes

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1. Das Leid der russischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg

http://www.zeit.de/2007/25/27-Millionen-Tote

Zweiter Weltkrieg

27 Millionen

So viele Sowjetbürger starben als Opfer des deutschen Krieges zwischen 1941 und 1945. Es ist eine Zahl, die viele hierzulande bis heute nicht kennen. Oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen .

von Peter Jahn

DIE ZEIT Nº 25/2007 31. Oktober 2008

(...)

Es ist zu befürchten, dass den meisten Menschen hierzulande die ungeheuerliche Dimension des Terrors, den die Deutschen in jenen dreieinhalb Jahren über die Sowjetunion brachten, bis heute nicht wirklich klar geworden ist. Die Zahl der sowjetischen Kriegsopfer dürfte manchen Nachgeborenen immer noch überraschen, erschrecken: Haben die Deutschen insgesamt, also von 1939 bis 1945, sechs bis sieben Millionen Kriegstote zu beklagen, so stehen dem 27 Millionen getötete Sowjetbürger in den Jahren 1941 bis 1945 gegenüber, davon neun Millionen Gefallene.

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2. Die Berichterstattung über Odessa

https://www.freitag.de/autoren/maennlicherlinker/der-medien-gau-von-odessa

Richard Zietz

04.05.2014 

Der Medien-GAU von Odessa

Ukraine-Konflikt 

Stell dir vor, 40 Menschen werden abgefackelt und die freie Presse sieht weg. Wie das geht, haben die deutschen Medien am Wochenende vorgeführt. Der Bericht zum Info-GAU.

Die falschen Toten, die falschen Täter. Hinzukommend: ein unpässlicher Zeitpunkt sowie Staatsinstitutionen, die selbst dem wohlmeinenden Teil des Publikums nicht mehr vermittelbar sind. Was macht der deutsche Qualitätsjournalist in einem solchen Fall? Er vertuscht, verschweigt, spielt runter und hypt, wenn das alles nicht reicht, künstlich hochgepuschte Alternativereignisse. Wie das Genre Manipulation & Vertuschung in der Praxis funktioniert, war am ersten Mai-Wochenende in der Praxis zu erleben. Die schwersten Straßenkrawalle seit den Maidan-Ereignissen Ende Februar. Über 40 Menschen, die in einem gebrandschatzten Gewerkschaftshaus ums Leben kamen. Über 200 Verletzte. Eine Regierung, der an einer Aufklärung der Geschehnisse ganz offensichtlich nicht gelegen ist. Ist das ein Thema? Berichterstattenswert? Für ARD, ZDF, Süddeutsche, Zeit, F.A.Z. und den Rest des sogenannten Alpha-Journalismus explizit nicht. Vielmehr legten die deutschen Leitmedien einen Info-GAU hin, der den Vergleich mit der vielgeschmähten Berichterstattung russischer Medien in keiner Weise zu scheuen braucht. (...)

Informative Hintergrundartikel brachten lediglich zwei Ausnahmen: Spiegel Online sowie das – vom qualitätsbewußten Journalismus eher als randständig abgetane Onlinemagazin Telepolis. Der Rest: bis dato Totalausfall.

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3. Sich widersprechende Berichte zum Thema "OSZE/Geiseln"

am Beispiel der Süddeutschen Zeitung:

Süddeutsche Zeitung, 7. Mai 2014, S. 4

Ukraine - Letzte Chance für die Diplomatie

von Stefan Kornelius

(...) "Die OSZE-mandatierten Militärinspektionen sind ein von Ost und West anerkanntes Mittel, um Transparenz und Vertrauen zu schaffen. Nicht Deutschland hat dieses vertrauensbildende Instrument missbraucht, sondern die Entführer in der Ostukraine, die ihre Opfer erst den Separatisten übergeben und bewusst einen Sub-Konflikt geschaffen haben" (...)

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Im Gegensatz dazu berichtete die Süddeutsche Zeitung am 28. April 2014, S. 1 unter der Überschrift: "Das ist ein Rückfall in die politische Steinzeit"

(...) "Nach Angaben des Vizechefs des OSZE-Krisenpräventionszentrums, Claus Neukirch, sind die Festgehaltenen aber keine Mitglieder der diplomatischen OSZE-Beobachtermission. Es handele sich um eine Mission unter Leitung der Bundeswehr, die auf Einladung der Regierung in Kiew unterwegs sei". (...)

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Auf S. 2 berichtete die Süddeutsche Zeitung am 28. April 2014 unter der Überschrift: "Abhängig von einem Ehrenwort", Autor: Nico Fried:

(...) Die Verschleppten sind keine Mitarbeiter der OSZE. Das hatte die Organisation selbst bereits am Freitag mitgeteilt. Und es hat die Situation der Geiseln nicht einfacher gemacht, weil es den prorussischen Separatisten den Vorwand lieferte, die Geiseln seien Spione". (...)

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4. Zur Bewertung der russischen Politik:

Am 7. Mai 2014 schrieb Klaus Wittmann, Brigadegeneral a.D., Senior Fellow des Aspen Institute und Lehrbeauftragter für Zeitgeschichte an der Universität Potsdam, in der Süddeutschen Zeitung, S. 2, unter der Überschrift: "Die Fehler der Nato. An Putins Machtpolitik gibt es nichts zu beschönigen. Doch auch der Westen hat allen Grund zur Selbstkritik":

"Präsident Wladimir Putin klagte in seiner Münchner Rede 2007 darüber, Russland werde international nicht als gleichberechtigt behandelt; die Klage hat er seitdem oft wiederholt. Dabei verkennt er, wie sehr das mit seiner eigenen Politik zu tun hat. Isolieren kann Russland sich nur selbst. Das tut seine Führung derzeit eifrig mit ihrer Politik des Revisionismus, der Destabilisierung von Nachbarn und der Ablenkung von inneren Problemen durch die Konfrontation mit der Außenwelt". (...)

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Im Gegensatz dazu schrieb Hauke Ritz, Philosoph und

Außenpolitikexperte,  bereits am 26.8.2008 den nachfolgenden Beitrag, der aufzeigt, wie Russland von außen isoliert wurde. 

Eine gekürzte Version erschien auch in der Zeitschrift "Blätter für deutsche 

und internationale Politik" 7/2008, S. 53-69:

https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2008/juli/die-welt-als-schachbrett

Die Langversion in der Zeitschrift "Hintergrund" findet sich unter:

http://www.hintergrund.de/20080826235/politik/welt/die-welt-als-schachbrett-der-neue-kalte-krieg-des-obama-beraters-zbigniew-brzezinski.html

Die Welt als Schachbrett - Der neue Kalte Krieg des Obama-Beraters Zbigniew Brzezinski

Von HAUKE RITZ, 26. August 2008

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5. Der nachfolgende Beitrag im Portal "German-Foreign-Policy" beschreibt die aktuelle weltpolitische Lage: 

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58859

07.05.2014

Ein weltpolitischer Lackmustest

BERLIN/WASHINGTON (Eigener Bericht) - Transatlantisch orientierte Kreise warnen vor globalen Machteinbußen des westlichen Kriegsbündnisses und dringen für den Kampf um die Ukraine auf einen engeren Schulterschluss der NATO-Staaten gegen Russland. Dass das Kiewer Marionettenregime die Herrschaft über die Krim verloren habe, habe unter Verbündeten des Westens weltweit Befürchtungen ausgelöst, die Unterstützung der USA und der NATO reiche im Ernstfall nicht zur Durchsetzung der eigenen Interessen aus, heißt es in Presseberichten. Die weltweite Hegemonie des Westens bekomme dadurch Risse. So hätten bei der jüngsten Asienreise des US-Präsidenten Vertreter der Gastgeberstaaten immer wieder besorgte Zweifel geäußert, ob Washington sie bei ihren Territorialstreitigkeiten mit Beijing verlässlich unterstützen könne. In der Tat hat die Regierung Obama sich unlängst veranlasst gesehen, mit martialischen Militärdrohungen gegen China für den Fall, dass Beijing sich den westlichen Ordnungsvorstellungen in Ost- und in Südostasien nicht beugen sollte, seine Macht zu demonstrieren. NATO-Manöver in Osteuropa und brutale Schritte des Kiewer Marionettenregimes sollen nun zeigen, was Kräften droht, die sich dem transatlantischen Diktat nicht beugen. Berlin müsse seine Sonderbeziehungen zu Russland opfern und sich mit voller Energie in die NATO-Front einreihen, um den Westen zu stärken, heißt es in Leitkommentaren führender deutscher Medien.

[...]

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6. Orlando Figes beendet sein Buch "Krimkrieg", Berlin 2014, über den Krimkrieg der Jahre 1853 bis 1856 auf S. 686f:

"Die Tatsache, dass die Feinde Russlands im Krimkrieg - Großbritannien, Frankreich und die Türkei - nun sämtlich NATO-Mitglieder und Gegner des 1955 gegründeten Warschauer Pakts waren, verlieh der sowjetischen Hundertjahrfeier zusätzliche Spannung.

Der Stolz auf die Helden von Sewastopol, der 'Stadt des russischen Ruhmes', bleibt eine wichtige Quelle der nationalen Identität, obwohl sie sich heute außerhalb Russlands befindet - ein Ergebnis der Übertragung der Krim an die Ukraine durch Nikita Chruschtschow im Jahr 1954 und der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung nach der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991. Mit den Worten eines russischen nationalistischen Dichters:

Die Ruinen unserer Supermacht
Bergen ein Paradox der Historien:
Sewastopol - die Stadt der russischen Glorien
Liegt nicht auf russischen Territorien.

Der Verlust der Krim bedeutete einen schweren Schlag für die Russen, deren Nationalstolz nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs ohnehin zu leiden hatte. Nationalisten setzen sich energisch für die Rückkehr der Krim zu Russland ein, nicht zuletzt in Sewastopol selbst, das weiterhin eine russische Bevölkerungsmehrheit hat.

Die Erinnerungen an den Krimkrieg rühren noch heute tiefe Gefühle des russischen Stolzes und des Zornes auf den Westen auf. Im Jahr 2006 hielt das Zentrum des Nationalen Ruhmes von Russland - unterstützt von Wladimir Putins Präsidentschaftsverwaltung sowie dem Bildungs- und Verteidigungsministerium - eine Konferenz über den Krimkrieg ab. Die Schlussfolgerung der Konferenz, von den Organisatoren in einer Presseerklärung bekannt gegeben, lautete, dass der Krieg nicht mit einer Niederlage Russlands, sondern mit einem moralischen und religiösen Sieg, einem nationalen Akt der Opferung in einem gerechten Krieg, geendet habe; die Russen sollten das autoritäre Beispiel von Nikolaus I. ehren, den die liberale Intelligenzija unfairerweise verhöhnt habe, denn er sei zur Verteidigung der Interessen seines Landes gegen den Westen angetreten. Der Ruf von Nikolaus I., dem Mann, der die Russen gegen die Welt in den Krimkrieg führte, ist in Putins Russland also wiederhergestellt worden. Heute hängt auf Putins Befehl ein Porträt des Zaren im Vorzimmer des Präsidentenbüros im Kreml.

Am Ende des Krimkriegs lag eine Viertelmillion Russen in Massengräbern in der Umgebung von Sewastopol. Überall im Umkreis der Schlachtfelder von Inkerman und Alma, des Tschornaja-Tals, von Balaklawa und Sewastopol sind unbekannte Soldaten begraben. Im August 2006 entdeckte man die Überreste von vierzehn russischen Infanteristen des Wladimir- und des Kasaner Regiments unweit des Ortes, an dem sie während der Schlacht an der Alma gefallen waren. Neben ihren Skeletten fand man Rucksäcke, Wasserflaschen, Kruzifixe und Granaten. Die Gebeine wurden mit militärischen Ehren in einer Zeremonie, an der ukrainische und russische Regierungsvertreter teilnahmen, am Museum der Alma bei Bachtschisserai neu beigesetzt, und in Russland gibt es Pläne, dort eine Kirche zu bauen.

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7. Zur Frage "Krim: Sezession oder Annexion?":

5. Reinhard Merkel: Die Krim und das Völkerrecht

Kühle Ironie der Geschichte

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-krim-und-das-voelkerrecht-kuehle-ironie-der-geschichte-12884464.html

Darin schrieb Prof. Reinhard Merkel:

"Hat Russland die Krim annektiert? Nein."

In der gleichen Rundmail verwies ich auf:

8. Erklärung des Bundesausschuss Friedensratschlag und der Kooperation

für den Frieden zur Ukraine

http://www.koop-frieden.de/

"Bei dem Referendum und der Unabhängigkeitserklärung der Krim und dem anschließenden Beitritt zu Russland handelt es sich gleichwohl nicht um eine völkerrechtswidrige „Annexion“, wie westliche Medien und Politiker behaupten, sondern um eine völkerrechtlich umstrittene Sezession. Als solche verstieß sie gegen die ukrainische Verfassung."

Im Unterschied zu Prof. Reinhard Merkel und der Erklärung der Friedensbewegung schreibt Prof. Urs Saxer: "Der Anschluss, die Annexion der Krim kann völkerrechtlich nicht anerkannt werden":

Gastkommentar zur Ukraine

Der Krim-Konflikt und das Völkerrecht

Urs Saxer, Völkerrechtsexperte Dienstag, 18. März 2014

«Rules structure politics», schrieb der amerikanische Politologe Robert O. Keohane. Die derzeitige russische Krim-Politik lässt sich durch Normen und Regeln nicht beeindrucken. Russland, als ständiges Sicherheitsratsmitglied mitverantwortlich für die Erhaltung des Friedens, setzt sich über zentrale Normen des internationalen Rechts hinweg und bereitet die formelle Annexion der Krim vor.

Die Krim in historischer Perspektive

Die Vorgeschichte mag Erklärung, aber keine Rechtfertigung des russischen Verhaltens sein. 1954 «schenkte» die damalige Sowjetführung aus Anlass eines vor 300 Jahren abgeschlossenen Schutzvertrags zwischen der Ukraine und Russland die zur russischen Sowjetrepublik gehörende Krim der Ukraine. Dies war kein selbstbestimmter Entscheid der Krim-Bevölkerung, sondern ein dekretierter Symbolakt der Sowjetbehörden, die nicht ansatzweise den Zerfall der Sowjetunion in ihre Gliedstaaten in Betracht zogen – was, einvernehmlich, Ende 1991 geschah. Mit dem Ende der Sowjetunion respektierten die ehemaligen Sowjetrepubliken formell gegenseitig ihre Grenzen und bekannten sich zum Schutz der territorialen Integrität, und zwar in Übereinstimmung mit dem in der Dekolonisierung entwickelten sogenannten Uti-possidetis-Grundsatz, wonach – im Interesse von Frieden und Stabilität – ehemals innerstaatliche Grenzen als internationale anzuerkennen sind. Das Prinzip schliesst Territorialveränderungen nicht aus; diese müssen indes konsensual in völkerrechtlichen Verträgen geregelt werden. Dies ergibt sich auch aus der Uno-Charta.

Bestrebungen der Krim für einen Anschluss an Russland gab es schon damals. So bezeichnete 1993 das russische Parlament Sewastopol, Heimathafen der Schwarzmeerflotte, als russische Stadt auf fremdem Territorium. 1994 verpflichtete sich Russland mit den USA und Grossbritannien im Budapester Memorandum gegenüber der Ukraine nochmals, als Gegenleistung für einen ukrainischen Nuklearwaffenverzicht die Souveränität, die Grenzen und die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit zu achten. Die Grenzen der Ukraine sind also in völkerrechtlichen Dokumenten auch durch Russland explizit bestätigt worden. Was die russische Bevölkerungsminderheit anbelangt, so setzten nach der ukrainischen Unabhängigkeit Bemühungen der OSZE mit Blick auf interethnische Fragen und Probleme ein. Die Krim mit ihrer russischen Bevölkerungsmehrheit erhielt 1992 einen Status als Autonome Republik mit eigenen Finanzverwaltungs- und Rechtsetzungskompetenzen. So wurden Selbstbestimmungsansprüche der Krim zumindest teilweise befriedigt.

Das Recht zur Selbstbestimmung hat als Prinzip der Uno-Charta seine Ausformung zuerst in der Dekolonisierung und in der postkolonialen Staatsgründungswelle erfahren. Es gibt verschiedene Formen von Selbstbestimmung. Dazu zählen nebst der Eigenstaatlichkeit oder dem Anschluss an einen anderen Staat innerstaatliche Formen der Selbstbestimmung wie Minderheitenschutzarrangements oder Autonomieregelungen als Kompromiss zwischen Selbstbestimmungswunsch und der Achtung staatlicher territorialer Integrität. Die internationale Praxis zieht zum Schutz dieser Integrität diese innerstaatlich wirkenden Spielarten vor. Daher verwirklicht sich nur in Ausnahmefällen Selbstbestimmung über bestehende Grenzen hinweg. Auch dann handelt es sich nicht um ein einseitig ausübbares Recht, sondern um einen international überwachten Prozess, wie das Konfliktmanagement in Osttimor oder im Südsudan zeigte. Vor diesem Hintergrund ist per se an einer Autonomielösung für die Krim nichts auszusetzen. Die Krim wurde ja auch nicht so unterdrückt, dass deren Herauslösung aus der Ukraine sich aufdrängte.

Das Völkerrecht ist eindeutig

Für die russische Führung ist zwar die Vorstellung unerträglich, dass sich die Schwarzmeerflotte einmal auf EU-Territorium befinden könnte. Russland hätte indes die Möglichkeit gehabt, die Krim-Frage einschliesslich der Frage der staatlichen Zugehörigkeit auf die internationale Agenda zu setzen, zum Beispiel im Rahmen der OSZE oder von Uno-Gremien. Stattdessen setzt sich die Kreml-Führung über diplomatische Optionen hinweg und betreibt – von langer Hand vorbereitet – den Anschluss der Krim entgegen dem Willen der Ukraine, indem sie in Anwesenheit eigener Truppen hastig ein improvisiertes Referendum durchführen liess. Damit missachtet Russland die Souveränität, die territoriale Integrität sowie die politische Einheit der Ukraine. Die Präsenz russischer / russisch gesteuerter Truppen, ursprünglich gedeckt durch ein Stationierungsabkommen, mutiert so zur militärischen Bedrohung und Besatzung, was das Gewaltverbot der Uno-Charta, eine Zentralnorm des internationalen Systems, verletzt.

Völkerrechtlich besteht eine Pflicht von Staaten und internationalen Organisationen, Gebietsveränderungen als Folge der Anwendung oder Androhung von Gewalt nicht anzuerkennen. Darum wurden die israelischen Annexionen der Golanhöhen und Ostjerusalems ebenso wenig akzeptiert wie der Versuch Saddam Husseins, Kuwait zu erobern. Russland, international völlig isoliert, hat mit seinem Veto zwar einen Sicherheitsratsbeschluss verhindert, der die internationale Gemeinschaft verpflichtet hätte, das Resultat des Referendums nicht anzuerkennen. Der Grundsatz gilt indes auch ohne Beschluss: Der Anschluss, die Annexion der Krim kann völkerrechtlich nicht anerkannt werden. Volksabstimmungen über die Regelung territorialer Statusfragen sind nur legitim, wenn sie auf Vereinbarungen mit dem betroffenen Staat beruhen und international überwacht werden. Entsprechend muss jeder Staat, müssen die relevanten internationalen Akteure das zentrale Völkerrechtsgebote verletzende Vorgehen Russlands klar verurteilen und mit Sanktionen belegen, damit die internationale Politik wieder von Regeln bestimmt wird.

Urs Saxer ist Professor an der Universität Zürich und lehrt unter anderem Völkerrecht und internationale Beziehungen.

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8. Christopher Clark beendet sein Buch "Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog", München 2013, auf den Seiten 709ff  mit den Sätzen:

"'Ich werde nie begreifen, wie es passieren konnte', sagte die Autorin Rebecca West zu ihrem Mann, als sie 1936 auf dem Balkon des Rathauses von Sarajevo standen. Später sinnierte sie, dass dies nicht etwa daran liege, dass es zu wenige Informationen gebe, 'vielmehr gibt es zu viele'. Dass die Krise von 1914 außerordentlich komplex war, zählt zu den zentralen Aussagen dieser Studie. Zum Teil war diese Komplexität auf Verhaltensmuster zurückzuführen, die noch heute auf der politischen Bühne anzutreffen sind. Der letzte Teil dieses Buches wurde auf dem Höhepunkt der Finanzkrise in der Eurozone 2011/12 geschrieben - einem aktuellen Ereignis von atemberaubender Komplexität. Bemerkenswerterweise waren sich die Akteure in der Eurokrise, genau wie jene von 1914, der Tatsache bewusst, dass ein Ausgang im Bereich des Möglichen lag, der katastrophale Folgen haben würde (das Scheitern des Euro). Alle wichtigen Protagonisten hofften, dass es nicht so weit kommen würde, aber neben diesem gemeinsamen Interesse hatten sie auch besondere - und widersprüchliche - eigene Interessen. In Anbetracht der Wechselwirkungen im ganzen System hingen die Konsequenzen jeder Maßnahme von den Reaktionen anderer ab, die wegen des undurchsichtigen Entscheidungsprozesses kaum im Voraus berechnet werden konnten. Und die ganze Zeit über nutzten die politischen Akteure während der Eurokrise die Möglichkeit einer allgemeinen Katastrophe aus, um sich bestimmte Vorteile zu verschaffen.

So gesehen sind die Akteure von 1914 unsere Zeitgenossen. Allerdings sind die Unterschiede ebenso bedeutend wie die Gemeinsamkeiten.

(...)

Die Krise, die im Jahr 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur. Aber sie war darüber hinaus multipolar und wahrhaft interaktiv - genau das macht sie zu dem komplexesten Ereignis der Moderne, und eben deshalb geht die Diskussion um den Ursprung des Ersten Weltkriegs weiter, selbst ein Jahrhundert nach den tödlichen Schüssen Gavrilo Princips an der Franz-Joseph-Straße.

(...)

Eines liegt auf der Hand: Kein einziges der Anliegen, für die die Politiker von 1914 stritten, war die darauffolgende Katastrophe wert. Waren sich die Protagonisten überhaupt darüber im Klaren, um wie viel es tatsächlich ging?

(...)

In den Köpfen vieler Staatsmänner hoben sich anscheinend die Hoffnung auf einen kurzen Krieg und die Angst vor einem langen gegenseitig auf und rückten so eine umfassende Einschätzung der Risiken in weite Ferne.

(...)

So gesehen waren die Protagonisten von 1914 Schlafwandler - wachsam, aber blind, von Albträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten."

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9. Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, München 1977, S. 27:

Sind wir noch brauchbar?

"Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind durch Erfahrung mißtrauisch gegen die Menschen geworden und mußten ihnen die Wahrheit und das freie Wort oft schuldig bleiben, wir sind durch unerträgliche Konflikte mürbe oder vielleicht sogar zynisch geworden – sind wir noch brauchbar? Nicht Genies, nicht Zyniker, nicht Menschenverächter, nicht raffinierte Taktiker, sondern schlichte, einfache, gerade Menschen werden wir brauchen. Wird unsere innere Widerstandskraft gegen das uns Aufgezwungene stark genug und unsere Aufrichtigkeit gegen uns selbst schonungslos genug blieben sein, daß wir den Weg zur Schlichtheit und Geradheit wiederfinden?

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10. Wer zu den Themen "Feinbilder, Ukraine, Putinversteher, Medienmacht" lieber Bilder und Ton bevorzugt, dem möchte ich zum Schluss noch empfehlen, die Sendung "Die Anstalt" vom 29.4.2014 anzuschauen:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2145384/Max-Uthoff-Feindbilder#/beitrag/video/2142038/Die-Anstalt-vom-29-April-2014


Einzelne Ausschnitte:

Max Uthoff zum Thema Feindbilder:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2145384/Max-Uthoff-Feindbilder#/beitrag/video/2145384/Max-Uthoff:-%22Feindbilder%22



Claus von Wagner und der "Iwanometer-Test", zum Thema "Putinversteher": 

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2145384/Max-Uthoff-Feindbilder#/beitrag/video/2145440/Der-Iwanometer-Test



Claus von Wagner, Max Uthoff, Alfons, Abdelkarim und Konstantin Wecker zum Thema "Unabhängiger Journalismus":

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2145384/Max-Uthoff-Feindbilder#/beitrag/video/2145522/%22Unabh%C3%A4ngiger-Journalismus%22