100 Jahre Versöhnungsbund – Persönliche Eindrücke aus Konstanz

Mo, 01/09/2014 - 05:58 - Eberhard Bürger

31. 7. 2014 Da Barbara und ich selten in Konstanz sind, sahen wir uns einen Tag vor der besonderen Tagung das Stadtzentrum an. Auf dem Münsterplatz fiel uns eine Ausgrabungsstelle auf: Mauern aus römischer Zeit, 300 – 400 n. Chr. hieß die Stadt Constantia. Da war doch was! Kaiser Konstantin, der Christus zu seinem Kriegsgott erhob und die Christen an der Macht beteiligte, um diese Macht zu festigen. In der Folge bildete sich ein dem staatlichen Machtgefüge ähnliches kirchliches Gebilde heraus. Und das war um 1400 in die Krise geraten. Ein Konzil sollte den Zusammenhalt wieder herstellen (aus drei Päpsten sollte einer werden), die Beziehungen zur Welt neu regeln und die Grundlage des Glaubens wieder freilegen.

Eberhard Bürger vor dem KonzilsgebäudeIm Konzilsgebäude am Hafen sahen wir uns die Ausstellung zum größten mittelalterlichen Konzil (1414 – 1418) an. Der besondere Gast des Konzils: Jan Hus. Er hatte die Grundlagen des Glaubens wieder frei gelegt. Was wäre geworden, wenn das Konzil seine Impulse aufgenommen hätte und – statt immer weiter um sich selbst zu kreisen, sich in die Nachfolge Christi hätte rufen lassen? Stattdessen war Jan Hus im kleinen Turm des Dominikanerklosters (heute Inselhotel) in gesundheitsgefährdender Haft gehalten, im Münster verurteilt und vor der Stadt hingerichtet worden. Auch damit, dass er den Papst für entbehrlich hielt, war er einen Schritt zu weit gegangen. Sein Verteidiger, Hieronymus von Prag, musste ebenso sterben. - Im Hus-Haus, in dem er vor seiner Verhaftung gewohnt haben soll, betreuen tschechische Landsleute heute ein kleines, anschauliches Museum.

Beim Besuch sahen wir, dass die Darstellung der Zeit nach Hus noch einer Ergänzung bedarf: Von den Hussiten wird zwar der militärische und besiegte Zweig, nicht aber der pazifistische beschrieben, den es heute in den Böhmischen Brüdern gibt. Peter von Cheltschitz, Mitstreiter von Hus, rief diesen immer bedeutsamer werdenden Zweig ins Leben. Und mitten im 30jährigen Krieg entfaltete Johann Amos Comenius nicht nur seine Pädagogik, sondern auch seine zurzeit wenig beachteten Gedanken zum Frieden bis hin zu einer Vorwegnahme der Grundgedanken für die UNO. Wir sagten der Museumsbetreuerin unsere Idee, sie will ihr weiter nachgehen.

Was ich vermisst habe: Außer dem Plakataufdruck der Stadt in keiner Kirche Flyer oder Hinweise auf die internationale Tagung, auch in den offiziellen Infobüros nicht. Gab es nicht eine halbe Stelle dafür in Konstanz? - Bei der Hitze war es ein richtiges Geschenk, mit unseren Gastgebern am Abend noch auf der Insel Reichenau in den Bodensee zu steigen.

Inselhotel1. 8. 2014 Für die Schönheit der Landschaft um den Bodensee hatten die 93 Gäste, die sich am 1.8.1914 im Inselhotel trafen, keinen Blick. Während draußen der Krieg begann, beteten die Vertreter aus 12 Nationen um Frieden, besannen sich auf ihre Wurzeln und fassten folgenreiche Beschlüsse, bevor der Krieg sie am Abend des 2. August einholte und sie am 3. ausreisen mussten. Der „Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen“ wurde hier als Friedensorganisation gegründet, der bis 1948 tätig war und eine der drei Säulen wurde, die zur Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) führten.

Leo Petersmann erinnerte mich im Gespräch: Vor genau 80 Jahren hatte Dietrich Bonhoeffer eben als Jugendsekretär dieses Weltbundes bei der Morgenandacht in Fanö/Dänemark so eindringlich gefragt: „Wer ruft zum Frieden auf, dass es die Welt hört?“ Das ist die Aufgabe eines großen christlichen Konzils! – Im Museum beim Münster ließ eine Ausstellung zum 1. Weltkrieg in Konstanz und im Grenzbereich zur Schweiz spüren, was da für Geister und Ereignisse das Leben zur Hölle gemacht haben. Überraschend, wie viele Pazifisten und Deserteure die Schweiz als Fluchtraum nutzten.

Unser „centennial“ begann in der Theodor-Heuss-Schule mit einem gemeinsamen Training für die gewaltfreie Aktion für eine atomwaffenfreie Welt: „Abrüsten, keine Bomben-Geschäfte!“ 7 Banken sind mit Atomwaffengeschäften befasst, darunter auch die Commerzbank. Vom Inselhotel zogen wir zunächst zum Denkmal für Graf Zeppelin, der am Bodensee für den Krieg produzierte und dann vor die Commerzbank, wo eine Aktion stattfand, die mit einer Briefübergabe verbunden war. Vor dem Münster endete der bunte Zug der inzwischen etwa 200 eingetroffenen internationalen Gäste

Vor dem MünsterVorm Münster baute eine Gruppe um Matthias Engelke, den Vorsitzenden des deutschen Zweiges, ein Zeltlager für die öffentliche Fastenaktion „Für eine atomwaffenfreie Welt“ auf. Sie wurde ständig in Gespräche verwickelt – und am 4. August traf dann noch die Pressemitteilung ein: Renke Brahms, Friedensbeauftragter der EKD, hat gefordert: Atomwaffen gehören abgeschafft, nicht modernisiert, auch in Deutschland. Matthias und Beate Engelke zogen zur Fortsetzung der Fastenaktion von Konstanz aus weiter nach Büchel zum deutschen Standort für Atomwaffen.

Nach den Seminaren am Nachmittag war dann der Festakt am Abend wirklich ein besonderer Höhepunkt: Stehempfang vor der Lutherkirche. Davorka Lovrenovic setzte Akzente und moderierte den ersten Teil in der voll besetzten Kirche. Der Beitrag des neuen Landesbischofs von Baden zeigte, dass er weiß, welche Bedeutung gewaltfreie Arbeit hat. Eigentlich habe ich noch jemanden aus der katholischen Kirche bei der Begrüßung erwartet, doch Fehlanzeige. Vom Vortrag der Diana Francis (FOR England) verstand ich leider wenig, weil die Kopfhörer für die Übersetzung nicht reichten. Erst beim Podiumsgespräch, von Andreas Zumach moderiert, kam ich in den Genuss einer Übersetzung. Unter den 6 Teilnehmenden verschiedenen Alters, 3 Frauen, 3 Männer, aus Palästina, Indien, Nordirland, Thailand, Kolumbien, Uganda befanden sich auch die Nobelpreisträger/in Mairead Corregan Maguire (1976) und Suvlak Sivaraksa (Alternativer Nobelpreis 1995). Adolfo Peres Esquivel aus Argentinien (Friedensnobelpreis 1980) war leider erkrankt.

PodiumEinige Teilnehmende aus dem Podium sahen die „Kraft der Gewaltfreiheit“ vor allem im – christlichen und buddhistischen - Gebet begründet, andere betonten die Ausdauer und die Fantasie für den Kampf. Die Umgestaltung der Verhältnisse in Birma ist ein Beispiel dafür, was Gebet und 10 Jahre Kampf miteinander bewirken: einen Übergang zu einem veränderten Staatswesen und Zusammenleben. Die Lehrerin aus Palästina erzählte, wie sie eine Frau aus Israel ermutigt hat, allein durch eine palästinensische Siedlung zu gehen. Nachdem die Frau aus Israel ihre Angst überwunden hatte, erfuhr sie bei dem Besuch so viel Überraschendes, dass sie sich der Bewegung für ein Zusammenleben von Israelis und Palästinensern anschloss. Ein Kern des Konfliktes ist eben der, dass sie einander nicht kennen.

2. 8. 2014 Von den 20 angebotenen Workshops habe ich nur den einen besucht: Versöhnung in (Post-)Konfliktregionen im Afrika südlich der Sahara, geleitet von Maria Biedrawa, Frankreich, und Yawo Kakpo, Togo. Meine Kontakte zum afrikanischen Kontinent sind gering, vor allem aus den Begegnungen mit Belay (Äthiopien) und den Partnergemeinden in Tansania geprägt. Maria „spielte“ zunächst mit uns die biblische Erzählung von der Verwandlung des kleinen Zachäus, der immer der größte sein wollte, in der freundschaftlichen Begegnung mit Jesus seine eigentliche Identität gewinnt und seine Hände zu anderen hin ausstrecken kann. Dieser Verwandlungsprozess spielt sich in Afrika ab. Yawo erzählte afrikanische Geschichte zunächst im Überblick: Kolonialzeiten – Befreiungsbewegungen – Diktaturen – und konkret: Versöhnungsarbeit in Togo. Im Gespräch kamen noch viele Einzelheiten zur Versöhnungsarbeit ans Licht. Auf die Frage nach Unterstützung von außen sind wir dann darauf gekommen, ob es nicht für alle VB-Gruppen einen gemeinsamen Impuls gäbe, an dem alle, doch konkret vor Ort, weiterarbeiten könnten.

Mir kam der Artikel 9 der Verfassung von Japan in den Sinn, der durch die Japaner auf der Tagung für alle präsent war und mit dem ich schon viele überraschende Gespräche erlebt habe. So stellten wir an das ab 4.8. tagende IFOR - Counsil den Antrag, dass dieser Artikel in allen nationalen VB´s bedacht, ergänzt wird, dass ein Abschnitt „Frieden entwickeln“ neu dazu entsteht, dass die VB´s vor Ort mit Leuten darüber ins Gespräch kommen und sehen, ob so ein Artikel auch in ihre Verfassung und in die der EU bzw. der OAS hinein kommt. Nach einem Jahr fragt IFOR nach, was daraus geworden ist und gibt vielleicht eine kleine Dokumentation heraus, Impuls für eine weitere Gesprächsrunde. Das Counsil scheint diese Idee zu prüfen, hörte ich inzwischen.

aus der japanischen VerfassungMehr als diesen Workshop und das Abendkonzert mit dem irischen Sänger Luka Bloom habe ich an Veranstaltungen gar nicht wahrnehmen können, weil die Begegnungen viel Raum brauchten. Im Workshop beim Rollen - „Spiel“ lernte ich Augustin kennen, afrikanischer Pfarrer für Asylanten und Flüchtlinge in Paris, und wir hatten uns nach der intensiven Begegnung über der biblischen Geschichte viel zu erzählen. Patricio, Leiter von SERPAJ Chile, trafen Barbara und ich nun von Angesicht zu Angesicht, wo wir doch vor 2 Jahren eine längere Korrespondenz miteinander hatten, bei der unser Besuch bei SERPAJ Chile dann so gut vorbereitet worden war. Wir lernten Annette und Martin aus Stuttgart kennen und hörten von ihrem Engagement dort. Heinz aus Österreich erzählte ganz begeistert vom Friedensweg in seiner Heimat. Elisabeth aus Österreich freute sich, mal Leute aus dem Osten kennen zu lernen, Ernst aus Österreich erzählte von seinem Engagement und dem seines Sohnes, Suvlak aus Thailand, der uns als Buddhist ermutigte, vor Ort unseres zu tun, Theodor aus der Badischen Landeskirche, der am Projekt Militärausstieg mitarbeitet, Lukas aus den USA, mit dem wir wegen Kontakten in Argentinien und Chile gemailt hatten…

3. 8. 2014 Im Gottesdienst der Lutherkirche waren wir bestimmt 50 von der Tagung, darunter die Japaner. Der Pfarrer begrüßte sie und bat um Verständnis, dass der Gottesdienst in deutscher Sprache gehalten würde. Ja, sagte eine Japanerin, ich bin Quäkerin, ich feiere im Geist mit. Mehr als zwei Begrüßungssätze auf Englisch kamen dann wirklich nicht. Und der Gottesdienst nahm auch keinerlei Bezug auf die Ereignisse und die Tagung. Das sonst öfter anschließende Kirchenkaffe gab es auch nicht. Ich fragte hinterher Leo, wie es ihm jetzt ginge. Er meinte: „Das erlebe ich nun so oft: Was mir wichtig ist, kommt in Gottesdienst und Gemeinde nicht vor. Sie kreisen um ihren gemeindlichen Mini-Horizont und das war´s dann.“ Genau so enttäuscht war ich. Vorher jemanden ansprechen, das hätte ein bunter, von mehreren gestalteter Gottesdienst sein können, auch mehrsprachig (einige hätten gut übersetzt). Der Predigttext aus Apg. 2, 42ff einmal mit einigen aktuellen und internationalen Akzenten, geistesgegenwärtig eingebracht, hätte einen wundervollen Reichtum eröffnet. So aber wurden wir in die ortsgemeindliche Beschränkung und – für uns - Belanglosigkeit hineingenommen und damit enttäuscht und ratlos entlassen.

Im überfüllten Rathaussaal empfing uns dann der Oberbürgermeister und hielt eine Rede, aus der ich mir den Satz gemerkt habe: „Konstanz braucht den Frieden. Und: Der Frieden braucht Konstanz.“ Den sollten die Konstanzer beim Wort nehmen. – Bei der anschließenden Feier erzählten Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionen, was ihnen „Spiritualität als Dimension der Versöhnung“ bedeutet: ein Buddhist aus Thailand, ein Jude aus den USA, ein Hindu aus Bangladesch, ein Muslim aus Bangladesch, eine Quäkerin aus Japan. Es waren beeindruckende und bewegende, z.T. auch sehr persönliche Zeugnisse, doch meine Sprachkenntnisse reichten nur begrenzt weit und Übersetzungen gab es nur ins Französische.

Lukas Johnson, der neue Koordinator von IFOR, schwarzer Baptistenpfarrer aus Atlanta, hat mit seiner umgänglichen, humorvollen und kompetenten Art „den Sack zugebunden“. Ich bin so froh, dass er jetzt die Fäden in der Hand hat, nachdem wir als Vorstand vorher so viele Schwierigkeiten erlebt haben. Und Tina mit ihrem Team hat richtig gute Organisationsarbeit geleitet, war immer wieder vor den jeweiligen Orten präsent und ansprechbar. Der Dank an die beiden und an so viele andere, die mitgetan haben, kam denn auch allen von Herzen.

Ich bin dann noch durch Konstanz gegangen, zunächst allein (Barbara war wegen einer Familienfreizeit bereits am Morgen abgereist), um erst einmal wieder zu einer anderen Besinnung zu kommen, dann mit Susanne (sie ist jetzt für einen Workshop im anschließenden Friedenscamp hier), Joris und unseren beiden kleinen Enkelchen und mit Maria. Überall trafen wir Leute von IFOR und es ergaben sich noch etliche Gespräche. Schließlich noch einen Gang allein zu Rhein und Bodensee. Es braucht seine Zeit, die beeindruckenden Erlebnisse „im Herzen“ zu bewegen, besonders dann, wenn man dreidimensional sieht: neben Raum und Zeit auch noch die Geschichte(n).

IFOR Leitungspersonen