Fastenaktion - Das Kanzleramt: Das Zentrum der Macht? Ein Theater - aus dem Tagebuch

Gespeichert von Matthias-W Engelke am Di., 20.08.2013 - 21:05

Je länger es in den späten Nachmittag hinein ging –, um so angenehmer wurden die Sonnenstrahlen. Meine Frau legte sich auf die Wiese und schlummerte. Ich nutzte die Zeit um mein Tagebuch zu führen. Da ich ja nun Zeit hatte, widmete ich mich auch dem Eindruck des Kanzleramtes und versuchte die Architektur dieses recht merkwürdigen Baues zu verstehen, ein Gebäude mit dem ich nichts anfangen konnte, ohne gefühlsmäßige Resonanz:

Das zentrale Gebäude teilt sich horizontal in zwei Teile. Der untere, dessen Höhe schätzungsweise 15 Meter ausmacht, wird im Eingangsbereich geziert von senkrechten Betonteilen in Flügelform, oben drauf stehen beziehungslos einige Bäume. Das finde ich an diesem Bau noch witzig. Er ist so groß, dass die Bäume in der Höhe aussehen wie Ikebana. Diese senkrechten Teile – zu beiden Seiten asymmetrisch verteilt – wirken wie große Stahltüren, die eine Öffnung suggerieren und die Blicke zum Gebäude hinziehen. Der Blick fällt auf eine Glaswand, die Transparenz verspricht, nur dass man weniger erkennt als versprochen: Hier ist kein Durchblick. Verschiedene Räume scheinen sich in drei Etagen anzuschließen.

Nach einem Zwischengeschoss mit waagerechten Lamellen wird das untere Ensemble im oberen Teil verkleinert und verkürzt wiederholt. Hier haben die Wände schon zu beiden Teilen Betonteile, aber im Mittelbereich ist wieder Glas. Durch verschiedene Treppenhäuser hindurch erkenne ich den freien Himmel. Das Bundeskanzleramt – damals  noch von Kohl favorisiert – verspricht Durchblick, vermittelt den Weg zum Licht, zum Himmel! Im Eingangsbereich hängt ein Sonnensegel, gehalten von den merkwürdigen Senkrechtflügeln. Das ausladende Vordach im höheren zweiten Teil nimmt darauf Bezug. Nachts erstrahlen aus der Decke Lampen deren Anordnung weder ein mathematisch wiederholendes Schema abbildet noch die vollkommene Asymmetrie des Sternenhimmels aufnimmt, es ist eine merkwürdige Mischung.

Es war kurz vor acht Uhr abends, als ich mich plötzlich von der Sonne geblendet fühlte: War sie nicht hinter dem Kanzleramt untergegangen? Da schien sie durch den oberen Teil des Kanzleramts hindurch und erinnerte mich an die Sonnenarchitektur des Pharaos Echnaton, in dessen Grab nur an einem Tag zu einer bestimmten Zeit ein Sonnenstrahl hindurch die ausgemalte Wand im Grab schlagartig erhellt. An welchem Tag zu welcher Zeit ist die Sonne zu sehen, wenn man mittig vor dem Kanzleramt steht?

Den Gesamteindruck versuche ich mir noch einmal zu vergegenwärtigen und frage mich, woran diese Art der Architektur anspielt, es war da etwas, was sich in mir dazu regte, aber ich kam nicht drauf. Am Nachmittag diskutierten wir mit Freundinnen und Freunden des Versöhnungsbundes über den Bau und seine Bedeutung – da fiel es mir auf: Es ist Theaterarchitektur – auf zwei Bühnen. Unten für das Volk wird Transparenz vorgegaukelt, oben für die Herrschenden hinter verschlossenen Mauern. Unten dient der Haupteingang keineswegs als Eingang – es ist Show; die senkrechten Flügel – außer dass vier von ihnen das Sonnensegel tragen –  haben keine sichtbare Funktion – sie machen Eindruck; mögen sie auch eventuell die Entlüftungsrohre für die unterirdischen Etagen sein, die ich einfach mal annehme gemäß meinen Erfahrungen bei der Bundeswehr. Dort gab es – wie mir ein Soldat erzählte - während des Kosovo-Jugoslawienkrieges eine Abhöreinrichtung mit einem vielleicht zweistöckigen Gebäude über der Erde und ca. 8 Etagen unter der Erde. Dieser Hauptteil lenkt zugleich davon ab, dass links und rechts davon zwei ziemlich schmucklose Gebäudeteile anliegen, die mit dem Hauptgebäude zusammen ein rechtwinkeliges U bilden und damit recht einfallslos wirken. Das Zentralgebäude hat einen theatralischen Höhepunkt wie die Sonne in der Zauberflöte: Es ist in meinen Augen zu Stein und Glas gewordene Betrugsarchitektur. Wenn man bedenkt, dass der damalige Bundeskanzler entgegen seinen Eid, sich an das Grundgesetz und die Gesetze zu halten bis heute nicht preisgibt, wer die CDU mit enormen Geldern am Gesetz vorbei gesponsert hat – wir hätten es an den Plänen zu diesem Bau schon sehen können!

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Bundeskanzleramt ganz
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Bundeskanzleramt obere rechte Seite
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Bundeskanzleramt Ikebana
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Bundeskanzleramt Türflügel
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Bundeskanzleramt - Die Himmelsleiter