Israel und Palästina - Reiseeindrücke im Herbst 2010

Mo, 13/12/2010 - 22:48 - Clemens Ronnefeldt

Vom 10.-22. Oktober 2010 war ich wieder mit einer Reisegruppe im Nahen Osten, um Friedensinitiativen auf israelischer und palästinensischer Seite zu besuchen. Organisiert hatten die Reise Pax Christi und IPPNW.

Micha Kurs, ehemaliger israelischer Soldat, der die Soldatenvereinigung "Breaking the Silence" mitbegründet hat und sich im "Israelischen Komitee gegen die Zerstörung von Häusern" engagiert, gab uns im Rahmen einer Jerusalem-Rundfahrt einen Überblick, wo palästinensischen Häusern bereits Abrissbefehle zugestellt wurden, um jüdischen Siedlern Platz zu machen. Sofern die betroffenen Familien nicht selbst ihre Häuser zerstören, werden ihnen die Kosten des Abrisses in Höhe von mehreren Tausend US-Dollar in Rechnung gestellt.

In Bethlehem begegneten wir auf dem Platz vor der Geburtskirche Bürgermeister Victor Bartarseh, der sich jeden Mittwoch bei einer Mahnwache mit Familienangehörigen solidarisiert, deren Männer und Söhne wegen ihres Protestes gegen die Besatzung in israelischen Gefängnissen sitzen, davon manche der 6000-7000 Gefangenen schon seit mehr als 30 Jahren.

Dr. Rateb Abu Rahma, Bilin mit leeren Tränengas-Patronen vor der Sperranlage in Bil´inIn Bil´in, unweit von Ramallah, finden seit 2005 jeden Freitag Demonstrationen gegen die Mauer/Sperranlage statt, die den Verlust etwa der Hälfte des Gemeindelandes von Bil´in zur Folge hatte. Am Haus von Dr. Rateb Abo Rahma hängen Fotos von sechs inhaftierten Mitgliedern des örtlichen "Volks-Komitees", das die Demonstrationen vorbereitet. Im vergangenen Jahr wurde ein Demonstrant von einem Tränengas-Geschoss getötet, von den rund 130 Verletzten der letzten fünf Jahre hätten zehn bleibende Schäden davon getragen. Sein Bruder, den wir bei unserem Besuch vor vier Jahren kennen gelernt hatten - ein Lehrer, der sich der Gewaltfreiheit verschrieben hat - sitzt seit einem Jahr in israelischer Haft. Er hatte leere Tränengaspatronen, welche die israelischen Soldaten gegen die Demonstranten eingesetzt hatten, aufgesammelt und zuhause aufbewahrt. Nach einer Hausdurchsuchung erfolgte die Anklage wegen unerlaubten Munitionsbesitzes mit anschließender Verurteilung.

Kurz nach unserem Besuch bei Familie Nassar, die unter dem Motto "Wir weigern uns, Feinde zu sein", das international besuchte Begegnungszentrum "Zelt der Nationen" aufgebaut hat und ihr Land gegen den Zugriff der umliegenden Siedlungen verteidigt, wurden in deren Nachbarschaft Olivenbäume von Siedlern in Brand gesetzt. Als wir südlich von Nablus bei der Olivenernte mithelfen wollten, verwehrte uns dies ein zuständiger israelischer Offizier, der damit drohte, bei unserem Erscheinen das Gebiet weiträumig abzusperren.

Gedenkstein auf dem Gelände der Familie Nassar, Begründer der Begegnungsstätte "Tent of Nations"In der Nähe von Assawiya hatten in der Nacht vor unserem Besuch ein oder mehrere Siedler versucht, eine palästinensische Mädchenschule in Brand zu setzen. Ein Abstellraum, im dem sich Tische und Bänke befanden, war mit Benzin übergossen und angezündet worden, ohne dass das Feuer allerdings auf die übrigen Klassensäle übergreifen konnte. An einer Wand stand in hebräischer Schrift als Bekennerschreiben: "Gruß von den Bergen" - wo sich mehrere umliegende Siedlungen befinden.

In Tel Aviv begrüßte uns Eitan Bronstein, Direktor der israelischen Initiative "Zochrot" (Erinnerung), die das Gedächtnis an die Vertreibung etwa der Hälfte der damaligen palästinensischen Bevölkerung in den Jahren 1947/48 erforscht und - auch in Lehrmaterialien - dokumentiert.

In Jerusalem besuchte ich Katharina von Münster, die Israel-Verantwortliche von Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste (ASF) sowie einen ASF-Freiwilligen, der von seiner Arbeit mit jüdischen Shoa-Überlebenden berichtete. Während des Libanonkrieges 2006 war das ASF-Gästehaus in Jerusalem mit israelischen Flüchtlingen aus dem Norden Israels belegt, die vor den Raketen der Hizbollah Schutz suchten.

In Bethlehem hatten wir Gelegenheit, mit Jamal Khader, Theologe und Dozent an der Bethlehem Universität, über das von ihm mitverfasste Kairos-Dokument palästinensischer ChristInnen zu sprechen. Das Besondere an diesem "Text der Hoffnung in einer Zeit der Hoffnungslosigkeit", der sich an die Kirchen in aller Welt mit der Bitte um Unterstützung und Solidarität wendet, bestehe in seinem breiten ökumenischen Ansatz. Gespräch mit dem Theologen Jamal Khader (2. von rechts), Mitautor des Kairos-DokumentesDie Passagen des Alten Testamentes, in denen vom "verheißenen Land" für die Israeliten die Rede ist, dürften weder theologisch noch politisch dazu instrumentalisiert werden, die Besatzung zu rechtfertigen. Er berichtete von einem Treffen mit zehn Rabbinern in Jerusalem, von denen neun das Dokument sehr hilfreich und unterstützenswert fanden, während es ein Rabbi ablehnte. Das Kairos-Dokument sei inzwischen in 13 Sprachen übersetzt, die Zustimmung weltweit wesentlich größer als die Ablehnung - z.B. vereinzelt in Deutschland wegen des Aufrufes zu Boykottmaßnahmen gegenüber der israelischen Besatzungsmacht. Der stärkste Widerstand komme von messianischen Christen aus den USA. "Es ist für uns Autoren leichter, mit Juden über das Kairos-Dokument zu sprechen als mit Christen", bilanzierte Jamal Kahder.

Besonders bewegend war ein Abend mit Ali Abu Awwad, der sich den "Parents Circle" (Trauernde Eltern) angeschlossen hat und sich gemeinsam mit einer israelischen Mutter, deren Sohn von Palästinensern getötet wurde, bereits in mehreren Dutzend Ländern der Erde für ein Ende der Gewalt eingesetzt hat. Als er wegen eines Beinschusses in Saudi-Arabien behandelt wurde, erfuhr er, dass sein Bruder Yussuf von einem israelischen Soldaten erschossen worden war. Yussuf hatte andere palästinensische Jugendliche daran hindern wollen, Steine auf israelische Soldaten zu werfen. Ein israelischer Soldat befahl ihm zu schweigen, da er als Offizier der einzige sei, der Befehle zu geben habe. Yussuf schwieg nicht, es kam zum Streit - woraufhin der israelische Soldat aus weniger als zwei Meter Entfernung Alis Bruder in den Kopf schoss. Der Mitbegründer der parents circle, Rabbi Yitzhak Frankenthal, nahm daraufhin Kontakt mit der Familie Awwad auf. Ali sprach u.a. in Berlin und Washington vor hochrangigen Politikern, ebenso vor Kämpfern der Al-Aqsa-Brigaden und Siedlern. "Versöhnung beginnt, wenn Du den Schmerz und die Wut hinter Dir läßt - und gemeinsam mit der anderen Seite nach einem Weg der Gerechtigkeit in eine bessere Zukunft suchen kannst", gab uns Ali mit auf den Heimweg.