Das kleine, unverhoffte Glück - Unser Zentrum "Gewaltfrei leben und handeln" beim Evangelischen Kirchentag in Köln

In einem "Zentrum GEWALTFREI LEBEN und HANDELN - hier und in Nahost" bot der Versöhnungsbund zusammen mit dem Bund für Soziale Verteidigung an den Kerntagen des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentags (dem 7.-9.6.07) einen breiten Einblick in seine Aktivitäten im Einsatz für den Frieden. Das Programm reichte von Workshops zu einer Gewaltfreien Erziehung über Informationen zur Kriegsdienstverweigerung bishin zu Erfahrungsberichten von Gewaltfreien Engagement in Kriegs- und Krisenregionen und der Begegnung mit Menschen aus dem Nahen Osten. Einen Programmüberblick gibt es hier (pdf-Datei, ca 650 kB), einen persönlichen Erfahrungsbericht schrieb Markus Heper, Redakteur VERSÖHNUNG.

Auch wenn mir am Fronleichnam-Donnerstag nicht klar war wie das Zentrum "Gewaltfrei leben und handeln" zur Zeit des Kirchentages in Köln im Einzelnen organisiert war, und ob es für einen Kurzentschlossenen wie mich wohl einen Platz zum Übernachten geben würde, fuhr ich am Freitagmorgen nach Köln.

Der Versöhnungsbund hatte mit dem Bund für Soziale Verteidigung (BSV) von der katholischen Gemeinde St. Marien in Köln-Kalk für drei Tage das Gemeindezentrum zur Verfügung gestellt bekommen. Neben den zahlreichen vom BSV organisierten Workshops und der Lesung mit Michael Henderson, waren es vorallem die Workshops von Mitgliedern des Versöhnungsbundes und die von der Nahost-Kommission eingebrachten Veranstaltungen mit Natasha Aruri aus Palästina oder Rolf Verleger, Mitglied des Direktoriums im Zentralrat der Juden in Deutschland, die das Programm bestimmten.

Natasha AruriZu Natasha Aruri's Vortrag kam ich passend im Zentrum an. Sie stellte in einem sehr konzentrierten und faktenreichen Vortrag das Umfeld und die Umstände der gewaltfreien Friedensarbeit in Palästina dar. Alle Veranstaltungen im Zentrum hatten einen Umfang von anderthalb Stunden, und die wurden bei Natasha Aruri auch mit dem anschließenden Gespräch voll ausgenutzt. Alle die die in der VERSÖHNUNG 1-2007 angebotene Chance genutzt haben, und über die Geschäftsstelle einen Termin in den kommenden Tagen vereinbart haben, möchte ich schon einmal vorab zu ihrem Entschluß beglückwünschen: Natasha Aruri's Vortrag ist in Form und Inhalt ein Gewinn! Zwei Wermutstropfen gab es allerdings für mich: Einerseits war Natasha Aruri zwar extra aus Palästina eingeladen worden, aber an einer professionellen Übersetzung aus dem Englischen fehlte es; so versuchte ich mit meinem Schulenglisch einer Frau mit Universitätsenglisch zu folgen. Desweiteren sprach Natasha Aruri ja für das "Peace and Freedom Youth Forum" (PFF), deren Arbeit sie nur kurz umriß und auch kein Material auslag, damit ich mich weiter hätte informieren können. (Und einen Laptop hatte ich nicht: www.pff-pal.org)

Malaktion auf dem KirchentagFür alle, die schon auf einer Jahrestagung des Versöhnungsbundes gewesen sind, kann ich die Atmosphäre und Stimmung im Zentrum kurz und einfach umschreiben: "Jahrestagung trifft Kirchentag". Das Gemeindezentrum stand uns komplett zur Verfügung, ähnlich dem Haus Venusberg in Bonn. Einige Dinge darum herum waren deutlich improvisiert - z.B. die Übernachtungen (von Privatquatieren bis Isomatte unter freiem Himmel) -, und erinnerten an den Kirchentag der Teenie-Zeit. Die Mischung machte es: Das Gemeindezentrum wurde zur überschaubaren Tagungsstätte, mit viel Platz zur Begegnung, zum Gespräch und zum Verweilen. Und gerade dies Verweilen abseits der Messehallen war etwas, was die KirchtagsbesucherInnen, die zu unseren Veranstaltungen kamen, genossen und sie hielt.

Wenn die meisten Workshops und Veranstaltungen von durchschnittlich 20 bis 30 Menschen besucht waren - der Vortrag von Rolf Verleger sogar von 80 Menschen, aber dazu gleich noch -, so haben Versöhnungsbund und BSV zwischen 200 und 250 Menschen in das Zentrum gelockt. Nur ein kleiner Teil davon kam erkennbar aus unseren näheren Zusammenhängen; daß heißt, für die inhaltliche Arbeit aber auch für unsere "Bünde" konnten wir neue Menschen erreichen. Und dies ist - trotz aller Mühen und Versuche bei vergangenen Kirchen- und Katholikentagen - eine Premiere und kleine Erfolgsgeschichte, gerade auch für den Versöhnungsbund. Der "Witz" dabei ist, daß unser Zentrum NICHT - wie früher - Teil des offiziellen Kichentages war. Es war ein Zentrum "Aus Anlaß des Kirchentages", und diese Sonderstellung brachte uns mit dem BSV zusammen ab Seite 400 des Kirchentagprogrammes zweieinhalb Seiten detailierten Abdruck unseres Programmes ein - inklusive der Namensnennung vieler ReferentInnen aus dem Versöhnungsbund im Register.

Rolf VerlegerAuch wenn ich alle Tage davor und danach meiner Arbeit in der Pflege hätte nachgehen müssen, für den Vortrag von Rolf Verleger wäre ich auf jeden Fall für einen halben Tag angereist. Das stand schon vorher für mich fest. Und nun, da ich Prof. Dr. Rolf Verleger, Psychologe und Mitglied im Zentralrat der Juden, gehört habe, weiß ich, daß es sich auch allein für diese wenigen Stunden gelohnt hätte, nach Köln zu reisen. Zu seinem Vortrag brauche ich inhaltlich nicht viel an dieser Stelle zu schreiben, sein Manuskript wird aller Voraussicht nach Anfang 2008 gedruckt erscheinen. Und die Art des Vortragens ist bei Rolf Verleger soetwas von "aus einem Guß", daß ein Nacherzählen nur Abklatsch wäre. Zumal Rolf Verleger über einen Humor verfügt, der gehört und erlebt sein muß. Ein Humor der aber nicht Ablenkung ist, sondern Mittel - ein freundliches Mittel, damit die Schwere der Inhalte, Fakten und der Geschichte einen nicht den Atem nehmen. Seinen Vortrag "Nächstenliebe? Antisemitismus? Plädoyer für eine Umkehr zu einer friedlichen Politik im Nahen Osten" eröffnete er nocheinmal mit seiner Stellungnahme zum Krieg Israel's im Libanon, mit der er sich im Zentralrat heftige Kritik einhandelte. Danach machte er in drei Abschnitten (Nächstenliebe im Judentum, Geschichte und Wirkung des Zionismus und das Eigenverständnis eines Juden heute) seine Erkenntnisse und Beweggründe deutlich, die ihn als Deutschen und Juden zu seinen verschiedenen Aktivitäten für eine friedliche Politik im Nahen Osten geführt haben. Wie gesagt: Das Manuskript erscheint Anfang 2008.

Essen beim KirchentagMeine Eindrücke vom Zentrum kann ich nicht schließen, ohne meinen Dank an die Frauen und Männer auszusprechen, die diese Oase der Begegnung in Köln organisiert und während der Tage am Laufen hielten. Stellvertretend für alle Fleißigen will ich hier nur nennen: Sine und Katrin vom BSV mit ihrem Überblick, aber auch das Ehepaar vom Lebenshaus in Trossingen, das uns mittags mit Nudelgerichten bekochte, Holger Klee, der auch in Köln für den Versöhnugsbund "die Geschäfte führte" sowie Maria Elisabeth Scharinger und Walburga, die unermüdlich im Hintergrund die Infrastruktur aufrecht erhielten. Nicht zuletzt ist auch dem sehr kooperativen Küster Ohm der Gemeinde St. Marien zu danken, - was Hans-Hartwig Lenzner vom Untermühlbachhof auf seine Weise tat: Mit einem ganzen Rad Bio-Käse, von der reiferen, älteren Sorte versteht sich. Da es keinen "Dienstplan" für die vielen Arbeiten gab, ist es den Fleißigen zu verdanken, daß das Zentrum gastfreundlich blieb!

Auf der Rückfahrt beschäftigten Thomas Nauerth und mich natürlich schon die Gedanken und Ideen zu einer Wiederholung: 2008 ist Katholikentag in Osnabrück, 2009 ist Kirchentag in Bremen; beides keine "Riesen-Städte", so daß der Versöhnungsbund - gerne wieder mit dem BSV - vielleicht beim nächsten Mal bei den Gemeinden der MennonitInnen, QuäkerInnen oder BaptistInnen eine Unterkunft mit diesem Zentrum findet. Ilse Mühlsteph, Mitglied des Versöhnungsbundes aus Bielefeld und vor einer Woche von ihrem mehrmonatigen CPT-Einsatz aus Hebron in Palästina zurückgekehrt, trifft nächste Woche VertreterInnen der Friedenskirchen aus Norddeutschland und fragt schon 'mal nach ...