Stimmen von Rabbiner Jeremy Milgrom und Faten Mukarker

Anlässlich unserer Jahrestagung und der Rundreise unserer Referenten dokumentieren wird 2 Stimmen zur Situation von Israel und Palästina und zwar von dem israelischen Rabbiner Jeremy Milgrom und von der christlichen Palästinenserin Faten Mukarker

Der Pharao sind wir - Rabbiner Jeremy Milgrom

"Wenn ich bedenke, dass meine Familie 1948 ihre Heimat verloren hat, dass Angehörige in den Auseindersetzungen mit Israel getötet wurden, und wenn ich an die derzeitigen Opfer in der Westbank und in Gaza denke, habe ich allen Grund zu hassen", sagt der deutsche Palästinenser aus Galiläa im Gemeindesaal von St. Eberhard in Stuttgart. "Doch wenn ich dich höre, dann kann ich nur sagen, ich verzeihe. Warum gibt es in Israel nicht viele wie dich? Dann kämen wir sehr schnell zu einer Lösung."

Mucksmäuschenstill verfolgen die ZuhörerInnen dieses Zeugnis. Die offenen Worte des Palästinensers richten sich an Rabbiner Jeremy Milgrom aus Jerusalem. Bedächtig antwortet dieser.

Er dankt für das Geschenk, das er nicht erwarten konnte, das einfach geschah. "Vergebung" sei eine rare Ware, sagt er und in der jüdischen Gedankenwelt sei der Begriff "Vergebung" sehr verborgen. Er berichtet von einem Besuch Bischof Tutus in Jerusalem, der misslang, weil Bischof Tutu von Vergebung sprach - in Yad Vashem.

Milgroms politische Vision heißt Partnerschaft zwischen Israelis und Palästinensern. Dazu gehört seiner Ansicht nach, dass die palästinensischen Flüchtlinge zurückkehren können. Er befürwortet einen binationalen Staat. Alles was auf eine strikte Trennung zwischen Palästinensern und Israelis hinausläuft, lehnt er ab. Er war auch gegen die israelischen Camp-David Vorschläge einschließlich der Teilung Jerusalems, weil der Geist, aus dem heraus sie geboren wurden, ein trennender ist, und er diese Geisteshaltung zu überwinden sucht.

Anders als große Teile der israelischen Linken einschließlich der Friedensbewegung (z.B. Peace now) verdammt er deshalb die Palästinenser nicht, an der Wahl Sharons Schuld zu sein, weil sie Baraks Camp-David- Vorschläge nicht angenommen hatten.

"Diese Situation, dass eine Bevölkerungsgruppe über die andere herrscht muss in Partnerschaft verwandelt werden. Diese Kraft muss ein spirituelle Kraft sein. Aber ich weiß nicht, wo man die her nehmen soll. Das möchte ich gerne von Ihnen hören," wendet er sich an seine nachdenkliche Zuhörerschaft in St. Eberhard. "Die dominante Macht hat alle Trümpfe in der Hand außer einem. Die dominierte hat nur einen Trumpf. Es gibt eine starke Spiritualität in beiden Gesellschaften. Mein Job ist es, beiden Gesellschaften diese Vision zu vermitteln, aber ich weiß nicht wie."

Ratlos wirkt der Rabbiner trotz der vielen Fragen, die er vor seinem Publikum ausbreitet, dennoch nicht - eher suchend. Schon seit einigen Jahren fühlt er sich in orthodoxen Synagogen nicht mehr wohl. "Gelobtes Land" und "erwähltes Volk" sind für ihn keine Kampfbegriffe, sondern stehen für die Suche des Volkes nach Gott. Die Bibel sei für jeden offen. In der Liturgie, wenn er z.B. mit friedensbewegten Menschen zusammen alternativ Pessach feiert, verwendet er seit vielen Jahren den Ausdruck "mit den Völkern erwählt" und "Land der Verheißung".

Er habe sich immer als jemanden erlebt, der in Israel und Palästina willkommen ist, erzählt er über die Zeit vor der jetzigen Al-Aqsa-Intifada. Doch in den letzten Monaten habe dies jäh ein Ende gefunden. Er habe auf dieser von Pax-Christi-Aktiven mitorganisierten Vortragsreise mehr Palästinenser getroffen als daheim in den letzten Monaten. Dort habe sich die Kluft zwischen Palästinensern und Israelis vergrößert. Die palästinensischen Bitten um Nahrungsmittel an seine Organisation hätten sich verstärkt.

Milgrom arbeitet für die 1988 gegründete Menschenrechtsorganisation "Rabbis für Menschenrechte". Rund 90 Rabbiner und Studierende erinnern an die jüdische Tradition der Menschenrechte. Die kleine Organisation sucht mit anderen zusammen Hauszerstörungen und Vertreibungen zu verhindern.

Israelis würden mit der "Situation", wie die Intifada auf israelischer Seite genannt wird, abgesehen von den Sicherheitsängsten, einigermaßen zurecht kommen. Nur für die 3 Prozent der israelischen Gesellschaft, die als Siedler in Gaza und in der Westbank leben, habe sich der Alltag verändert. "Es fällt mir schwer, Mitleid zu haben, wenn ein Siedler erschossen wird", bekennt Milgrom, der die Siedler dennoch nicht als Menschen verdammen möchte. Er berichtet über ihre Tugenden und ihre Liebe zum Land. Es war der Fehler der Regierung, sie dort siedeln zu lassen.

Lange habe er darüber nachgedacht, weshalb Israelis Palästinenser nicht als Menschen sehen. "Es ist keine Ideologie. Wir sehen sie einfach nicht." Milgrom, der als 15jähriger aus den USA nach Israel kam, traf dort auf ein Kolonialverhalten und ein Beschäftigtsein mit dem Aufbau der Gesellschaft, das einen vergessen lässt, dass bereits jemand dort ist. Er beobachtet zwei Typen von Interaktion mit den Palästinensern: zum einen wird ihre Arbeitskraft ausgebeutet und zum andern sieht man sie als Widerständler, was zu Widersprüchen führt. So würden sich derzeit vor allem die ehemaligen israelischen Arbeitgeber von Palästinensern dafür einsetzen, dass sie ihre Arbeit wieder aufnehmen können und weniger die Menschenrechtsgruppen.

Bei einem Pressegespräch im Katholischen Bildungswerk in Stuttgart zog er als Fazit: "Die Westbank und Gaza sind zum Gefängnis geworden. Wir schaffen Verzweiflung. Die Bibel gehört ihnen mehr als uns. Dass wir heute der Pharao sind und sie die Israeliten, ahnen viele Israelis am Passahfest."

Wiltraud Rösch-Metzler, erschienen bei Pax Christi, 2005


Faten Mukarker - Ein Brief aus Palästina (27. Januar 2006)

Palästina, den 27. Januar 2006

Liebe Freunde in der Ferne!

Das Ergebnis der Wahlen in Palästina war ein Schock für uns. Wir hatten schon damit gerechnet, dass die Hamas viele Sitze im Parlament bekommen wird. Die Beruhigung für uns war, dass es gut sein würde, eine starke Opposition zu haben, denn die Menschen sind enttäuscht von der Autonomiebehörde. Doch das die Hamas die absolute Mehrheit bekommen hat, und die Regierung bilden wird, ist ein Schock für uns.

Was wird uns die Zukunft bringen? Viele Fragen die uns bewegen. Israel und die Amerika wollen mit der Hamas nicht verhandeln. Wird das heißen, dass der Frieden für uns Utopie bleiben wird? Werden die Israelis als Antwort, uns Netanjahu wiederbringen? Was wird es für uns Christen bedeuten, wenn wir uns als kleine und schwindende Minderheit in einem Gottesstaat wieder finden? Wie werden die Frauen in solch einem Staat behandelt werden? Werden wir die wenigen Errungenschaften, die wir Frauen uns mit großer Mühe erkämpft haben, wieder verlieren?

Wer kann all diese Fragen beantworten? "Die Zeit" - sagen die Menschen hier.

Salam
Faten Mukarker